Winterträume zur kurischen Nehrung

von emaloca / am 01.03.2015 / in Nach der Saison ist vor der...
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(Herbst 2014) Ehe wir uns versahen, war die Segelsaison 2014 vorbei. Nicht zu fassen, viel zu kurz! Es war für uns doch das erste Jahr mit einem eigenen Boot. Wie sollten wir bloß die Zeit überbrücken, bis unser Boot wieder ins Wasser kommen würde?! Glück im Unglück: Jürgen, unser Segelfreund, hatte seinen Bücherschrank aussortiert und brachte uns eine dicke Schatzkiste voller Segelbücher vorbei. Mehrfach sind wir so schon buchstabenmäßig um die Welt gesegelt, meist eine Zeitreise zurück in die 70er Jahre, oft noch ohne GPS. Worte wie Smartphone oder Tablet waren noch gar nicht erfunden. Die älteste Weltumsegelung haben wir so Ende der 20er Jahre „erlebt“, sie endete mit Schiffbruch. Ich las die Bücher mit großer Begierde, beeindruckt von dem Können und Wagemut der Menschen – aber auch mit kritischer Distanz. Solche grauenvollen Stürme möchte ich nicht erleben.

schattensegeln
Winterträume

In dieser segelfreien Zeit gab es zudem auch noch den anfänglich etwas vagen Plan, in der Saison 2015 zur kurischen Nehrung zu segeln und dort meinen Cousin Ernst und seine Angetraute Ingrid zu treffen. Entstanden war die Idee an einem weinseligen Abend: „Cousin, irgendwann segeln wir mal zur kurischen Nehrung.“ „Ja Cousine, das machen wir!“ Wir wollten uns auf familiäre Spurensuche begeben, denn mein Vater und seine Mutter stammen von dort, aufgewachsen in einer Fischerfamilie.

Nüchtern betrachtet musste ich mir eingestehen, dass dieser Törn bei mir ein leichtes Unsicherheitsgefühl hervorrief, je mehr wir darüber redeten – und mein Skipper und ich redeten ständig darüber. Doch von Unsicherheit war bei meinem Skipper nichts zu spüren. Während ich mich – leicht beflügelt durch die zahlreichen Weltumsegelungen – gerade so langsam mit einer Nachtfahrt anfreunden konnte nach dem Motto: „Du bist schließlich doch keine Pimperliese!“ , schien er richtiggehend Wagemut daraus zu ziehen! Redete mein Skipper zunächst von 2, dann von 3 Nächten, die man eventuell durchsegeln müsse, kam irgendwann der Satz: „Und wenn der Wind stimmt, dann müssen wir den nutzen, dann segeln wir durch!“ Ich glaube, ich hätte lieber Bücherzensur betreiben sollen!

Der Törn zur kurischen Nehrung präzisiert sich

(Januar 2015) Muss er auch, denn wir haben alle Weltumseglerbücher aus der Schatzkiste durchgelesen. Nun lesen wir rauf und runter das Buch von Jörn Heinrich „Küstenhandbuch Polen und Litauen“. Dazu noch etwas über die Geschichte von Ostpreußen, Litauen und der kurischen Nehrung. Mit Cousin Ernst und seiner Ingrid haben wir die Abreisedaten grob festgelegt: Ende Juni geht es los. Die beiden kommen von Oskarshamm (Ostküste Schweden) nach Klaipeda (Memel) und wir von Fehmarn. Mein Skipper und ich sind im Gegensatz zu Ernst und Ingrid beruflich noch eingebunden und haben „nur“ 5 Wochen Urlaub. Daher ist der Plan, möglichst schnell nach Klaipeda zu segeln, um dort dann Zeit zu haben und bis nach Nida (Nidden) auf der kurischen Nehrung zu segeln. Von dort geht es dann mi dem Fahrrad über die russische Grenze nach Morskoje (Pillkoppen), dem Fischerdorf, in dem mein Vater aufgewachsen ist.

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Ein Kurenwimpel

Um den Stress einer schnellen Hinfahrt zu reduzieren, haben wir für die Hinfahrt Verstärkung an Bord: Jürgen – nicht der, von dem wir die Schatzkiste mit den Büchern bekommen haben – aber auch ein Segler. Für mich ist es beruhigend wenn noch jemand dabei ist, denn ich bezeichne mich eher als gute Mitseglerin, die auch mal das Ruder übernimmt. Wenn Rasmus aber mal nicht so gute Laune hat, frag ich doch gerne meinen Skipper: „Was machen wir nun?“

Mit der Zusage von Jürgen hat mein Skipper eine neue Abendbeschäftigung gefunden. Nachdem er schon die Seekarte und alle Häfen entlang der Strecke auswendig kennt, skizziert er nun mögliche Wachpläne: wer, mit wem, wann, wie lange Wache, Freiwache oder im Standby Modus ist. Ich träume lieber ein wenig vor mich hin, stelle mir vor, dass sich die Ostsee von ihrer schönsten Seite zeigt. Für mich heisst das easy sailing: keine Flaute, keine Hackwellen und während der Nachtfahrt(en) einen sternenklaren Himmel mit Mondschein und zu kalt ist es natürlich auch nicht. Ich nehme mir vor, Jürgen hin oder her, Rasmus einen Extra Schluck zu spendieren, um ihn für meine Wache bei Laune zu halten.

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2 Kommentare

  • Erika Talke says:

    Ein wunderbarer Textbeitrag, der so ganz zur Verfasserin passt: ohne Schnörkel und ehrlich (Habe ihn leider erst jetzt entdeckt, da ich die Links vorher nicht beachtet hatte). Nur Mut, den Törn werdet ihr schaffen! Die Nehrung nicht nur zu träumen als Lohn Mühe ist es aber wert.

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