Moitessier, Che Guevara und andere Männer

von emaloca / am 29.05.2017 / in Allgemein
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Saisonbeginn auf der Ostsee sollte für uns eigentlich die Vorosterwoche sein. Bei strahlendem Sonnenschein  wurde das Boot gekrant. Wir fuhren die paar Meter in die Box und schlugen das Groß an. Aus dem Wind wurde ein Sturm mit Schauerböen. Na Klasse! Obwohl das Groß Groß heißt, ist unsere Genua größer – an ein Anschlagen war nicht zu denken. Sie blieb bei uns im Salon, was diesen allerdings auch nicht wirklich wärmer und gemütlicher machte. Positiv war, dass wir so ein Leck bemerkten. Ein Kabeldurchlass am Mastfuß wollte abgedichtet werden. Nach 3 Tagen immer noch keine Wetterbesserung in Sicht, die Temperaturen sanken weiter, der Regen kam waagerecht.  Ostersamstag flüchteten wir nach Hause an den Kachelofen.

Christi Himmelfahrt dann ein erneuter Versuch. Unser Motto: antizyklisch fahren, Mittwoch in der Früh. Die Lust aufs Meer ließ uns morgens um 5 Uhr ganz ohne Wecker aus dem Bett springen und um Punkt 6 Uhr startklar sein. Es lief ja auch zuerst ganz gut. Aber dann: hier eine Baustelle, da ein Stau, runter von der Autobahn. Dann endlich sehen wir die Ostsee und die Fehmarnsundbrücke und stehen wieder im Stau. Um es kurz zu machen, statt der üblichen fünf oder fünfeinhalb Stunden waren wir 8 unterwegs und entsprechend platt.

Moitessier

An der Ostsee weht es auch noch am nächsten Tag kräftig. Aber am Boot ist ja immer was zu werkeln, die Schwalben schaukeln auf den Leinen und zwitschern ihre Lieder, Boote laufen aus … Oh, die Slisand läuft ein. Boot und Skipper kenne ich doch von Youtube, mir gefallen die schönen, professionell gemachten Segelvideos. Die Slisand macht fest und ich erfahre, der Skipper ist beruflich auch Kameramann, na dann! Seine Selbststeueranlage interessiert meinen Skipper, aber zu seinem Leidwesen kommt das System für uns nicht in Frage. Es ist einem Eigenbau vom Moitessier nachempfunden und nur für ein angehängtes Ruder konzipiert. Der große Moitessier, der es vorgezogen hat, weiter nach Tahiti zu segeln anstatt Erster beim Golden Globe Race zu werden und der keinen Bock hatte, sich dem Rummel, der nach dem Sieg losgegangen wäre, auszusetzen…. Wir haben sein Buch „Tamata, Erinnerungen eines Seglers“ verschlungen.

Che Guevara

Im Hafen lagen viele stattliche Boote, denen anzusehen war, dass sie schon mehr als die Ostsee befahren hatten oder dass sie bereit und fähig waren, die Ozeane dieser Welt zu besegeln. Auf einem Boot wehte eine große rote Fahne mit einem Che Guevara Portrait, vielleicht aus Kuba mitgebracht?

Die Mitglieder des Vereins Trans-Ocean hatten in unserem Heimathafen in Orth ein Treffen. Wir hörten, dass 2 Boote für eine Weltumsegelung verabschiedet werden sollten. Da können wir mit unserer Ostsee-Erfahrung nicht mitreden.

Wir segelten 10 Seemeilen nach Großenbrode um dort in der Bucht zu ankern! Unseren Plan, nach Wismar zu segeln hatten wir aufgegeben, denn für den Rücktörn am nächsten Tag war Flaute angesagt und 7 Stunden unter Motor ist auch nicht gerade das, was wir unter Ansegeln verstehen.

Mein Skipper wollte das Rigg trimmen. Sein Kommando: „ Fahr mal Am-Wind-Kurs, damit ich die Wanten auf der Leeseite nachspannen kann.“ Zubbel, zubbel, schraub, schraub, Blick nach oben, Zug am nachgespannten Want, dann „Reicht noch nicht. Fahr mal ne Wende!“ Erst gefühlte 50 Wenden später war er mit dem Ergebnis zufrieden. So nebenbei wurde dadurch der kleine Törn wenigstens etwas ausgeweitet. Ich guckte mir die Seekarte an. „Gerd, am Ende der Großenbroder Bucht ist ein großes Feld markiert: ‚Wasserskigebiet‘. Ob das laut wird?“ Um es vorab zu sagen: ja!!!

Der Fischer lässt sich auch nicht aus der Ruhe bringen!

Verhaltensoriginelle Männer

Wir ankern am Rande der mit großen Bojen markierten Flächen in der eigentlich wunderschönen Bucht und können sie bestaunen. Nicht die Wasserskifahrer – die gab es kaum – aber körpermittig nach vorn ausgewölbte Männer in Neoprenanzügen, die auf Wassermotorrädern oder in kleinen Flitzern sitzen. BRRRRRRhummBRRRRRRhummm.

Diese Männer hatten so ihre eigenen Vorlieben: Manche versuchten eine perfekte Kreisrunde, andere wiederum zogen gradliniges Hin- und Herfahren vor. Ein Boot trug den stolzen Namen: „Just fast“. Genau, dachte ich, mehr ist da auch nicht. Wir tranken Tee und staunten.

Aber irgendwann wurden die tapferen Rennfahrer müde und dann wurde es wirklich schön. Unmerklich hatte sich das Licht in der Bucht verändert, hatte Wasser und Luft  von kühlem Stahlblau in sanfte Pastelltöne getaucht. Wir tranken Wein und staunten.

Gigantischer Ausblick

Am nächsten Tag schlief der Wind bald vollständig ein. Bei 1,8 Knoten durfte unser Motor ran. Noch die nervige Hinfahrt vor Augen hatten wir uns entschieden, schon Samstags Abend zurück zu fahren. Unsere Hoffnung: „alle sind im Garten, sitzen am Ostseestrand oder gucken das Pokalendspiel.“ Es heißt ja, die Hoffnung stirbt zuletzt, aber manchmal erfüllt sie sich nicht.

Ein letzter Blick von der Fehmarnsundbrücke, die Sonne hatte die Ostsee in ein Silbermeer verwandelt. Da muss man doch auf dem Wasser sein, in die Nacht segeln und nicht im Auto schwitzen…. Was uns aufrecht hält: Ab Mitte Juli können uns die sehnsüchtig herbeigesehnten Feiertage, die ein verlängertes Wochenende zum Segeln ermöglichen, mal kreuzweise…. ab dann können wir nämlich segeln wann wir wollen und wie lange wir wollen.  Zu Irgendetwas muss das Älterwerden doch auch gut sein!!!

 

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