Gute Seemannschaft ist auch Kunst!

von emaloca / am 28.07.2017 / in Allgemein
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(3-2017) Eigentlich wollten wir in eine kleine, lauschige Bucht östlich von Aarhus segeln um dort vor Anker unser Aarhuser Kunst-, Kultur- und Architekturerlebnis zu verdauen. Doch die Kunst muss warten, gute Seemannschaft war gefragt.

Unser Plan war folgender: mal eben locker die 10 Seemeilen in die nächste Bucht segeln. Aber erstens kam der Wind nicht aus der vorhergesagten Richtung und zweitens war er stärker als angesagt.

Das ist Kunst, kein Seenotfall!

Das hieß gerefft Kreuzen hart am Wind, entsprechend verlängerten sich die 10 Meilen. Ich saß mit geschlossenen Augen (Reizüberflutung) grummelnd im Cockpit, während sich unsere Emaloca durch die Wellen kämpfte. Mein Skipper ließ mich wohlweislich in Ruhe, nur bei den Wenden tat ich ungefragt kurz Dienst am Ruder.

Segelhose als Krängungsmesser!

Ein Folkeboot kreuzte in unserem Kielwasser in die Bucht und peilte eine freie Mooringboje an, die wir links liegen ließen, da solche Bojen Mitgliedern des dänischen Segelvereins vorbehalten sind.

Um halb fünf lagen wir in angemessenem Abstand vor weiteren Ankerliegern friedlich in der Bucht und genossen das sich uns bietende Panorama. Mein Skipper schnappte sich seinen Roman, ich das Fernglas, um mir die Umgebung anzuschauen.

Stille Wasser sind nicht immer tief

„Gerd, das Folkeboot ist auf Grund gelaufen. Es steckt total fest.“
„Anke, dass ich nicht lache. Du spinnst ja total! Mitten in der Bucht und ein Folkeboot hat nur 1,25 Meter Tiefgang, wie soll das gehen? Blödsinn!!“ Er guckte nicht einmal von seinem Buch hoch.
„Gerd, ich sehe keine Ankerkette und die schwojen auch kein bisschen!“ „Was weiß ich, was die da machen – ist mir doch auch egal!“ Sein Buch schien spannend zu sein.

Irgendwann nahm mein Skipper dann doch das Fernglas: „Tatsächlich, die stecken fest. Sollen sie doch mal ausbaumen und sich dranhängen. Die kommen schon wieder los, ist doch ein Folkeboot!“ „Gerd, das haben sie schon versucht. Die beiden sehen auch so klein aus. Ich glaube, das sind Jugendliche und keine Erwachsenen. Ich bin auch gar nicht sicher, ob das nicht zwei Mädels sind!“ Mein Skipper hatte inzwischen seinen Roman beiseite gelegt. Wir sahen, wie jemand neben dem Folkeboot stand und versuchte es zu schieben oder irgendwie zu bewegen – aber es tat sich nichts.


Der Trick mit dem Anker

„Soll ich etwa als alter Mann mit unserem Kajak hinpaddeln und ihnen mal den Trick mit dem Anker erklären?“ kokettierte mein Skipper.  „Ich glaube, ja das solltest du.“ Vor Jahren waren wir auch einmal aufgelaufen, eine Boje war vertrieben. Mit dem Motor konnten wir uns nicht befreien. Also Anker klar gemacht, Skipper ins Wasser gesprungen, sich den Anker geschnappt und damit im 90 Grad Winkel vom Boot in tieferes Wasser gelaufen, Anker in den Boden gerammt, sich draufgestellt, mir, die an Bord geblieben war, Kommando gegeben „Zieh!“ Ich weiß bis heute nicht, woher ich die Kraft hatte, aber ich konnte uns freiziehen.

Unser Seenotkreuzer vor dem Einsatz!

Wir pumpten also unser Kanu auf und Gerd paddelte zum Folkeboot. Die Aktion würde länger dauern. Inzwischen war es schon nach 6 Uhr, mein Skipper würde Kalorien gebrauchen können. Zwischen Kartoffel putzen und Gemüse schnippeln verfolgte ich mit dem Fernglas die Rettungsaktion. Der Anker war inzwischen ausgebracht und mein Skipper saß auf dem Vorderdeck des Folkebootes und zog und zog. Ich weiß, er ist stark, aber das Boot rührte sich nicht.

Emaloca muss ran

Mir war klar, was kommen würde. Während Gerd zu unserem Boot zurückpaddelte, sicherte ich Kartoffeltopf und Gemüse, denn wir würden nun versuchen, das Folkeboot mit unserer Emaloca frei zu ziehen und dabei hoffentlich nicht auch auflaufen….
Mein Skipper kam an Bord, wir holten unseren Anker hoch. Langsam fuhr ich dem Folkeboot entgegen, während Gerd unsere Schleppleine klarmachte und wir kurz die anstehenden Manöver durchsprachen.
Das Unglücksboot mit zwei jungen, zierlichen Däninnen als Besatzung lag da wie aufgebockt. Sie hatten doppeltes Pech: auf eine Untiefe aufgefahren und dann war inzwischen auch noch der Wasserstand spürbar gefallen – keine Chance mit Muskelkraft da wieder runterzukommen. Ob es uns mit Motorkraft gelingen würde?
Vorsichtig tasteten wir uns an den Fender heran, den Gerd an den noch festsitzenden Anker vom vergeblichen Rettungsmanöver gebunden hatte, da er diesen nicht von unserem Schlauchboot aufholen konnte. Die Wassertiefe beim Anker war für Emaloca dicke ausreichend, aber danach ging es steil bergauf.

Gerd steigt in unser Kanu und will mir das Ankertau geben, das ich dann am besten mit Anker hochziehen soll. Gleichzeitig muss ich ihm die Schleppleine reichen und vorsichtig nachfieren. Bloß nicht auch noch eine Leine in unsere Schraube bekommen! Und immer schön den Tiefenmesser im Auge behalten, Anke.

Plötzlich rufen die Däninen aufgeregt irgendwas und wedeln mit den Armen. Gerd ist so mit Schleppleine und Ankertau beschäftigt, dass er nicht mehr auf sein Paddel geachtet hat – und das fängt an, fröhlich von dannen zu treiben. Mir fällt in dem ganzen Stress das Wort Paddel nicht ein und ich höre mich an wie neue Deutsche Welle: „Da, da, da, links, da,da.“ „Was?“ „Da, da, links da, da!“ Er kann das Paddel gerade noch greifen und mir die Ankerleine des Folkebootes übergeben.

Dann paddelt er mit der Schleppleine zum Havaristen. Fast – denn die Dreißigmeterleine ist nicht lang genug, bzw. Emaloca ist nicht nahe genug am Boot. Also lege ich vorsichtig den Rückwärtsgang ein, hole dabei gleichzeitig Schlepp- und Ankerleine ein, den Blick fest auf den Tiefenmesser gerichtet, dann wieder aufstoppen. Im Augenwinkel sehe ich die gräßlich helle Stelle unter dem Wasserspiegel näher kommen. Das Spiel wiederholt sich noch zweimal, ehe Gerd endlich die Schleppleine auf dem Folkeboot befestigen kann.

Schleppleine nach dem Einsatz!

„Hart Ruder und den Gashebel auf den Tisch legen!“ kommt das Kommando. Lieber Skipper, das weiß ich nun selber auch. Ruder ist schon gelegt, der Motor fängt an zu qualmen, aber nichts regt sich. Durchatmen! Gerd und die zwei Frauen versuchen, durch Ausbaumen und Gewichtsverlagerungen das Boot zum Krängen zu bringen, um Emaloca zu unterstützen und gucken ansonsten erwartungsvoll zu mir rüber. Ich gebe nochmal Vollgas. Endlich, endlich nimmt Emaloca langsam Fahrt auf und dann geht es irgendwann ganz schnell, das Folkeboot schwimmt wieder.

Die Bedankerei will gar kein Ende finden. Als die beiden uns dann fragen, was sie uns als Dank geben können, ob wir Geld wollen, winken wir natürlich lachend ab. Auch sie würden bestimmt mal auf jemanden treffen, der Hilfe bräuchte und dann sollten sie diese einfach geben. Das wäre doch ein guter Tausch. „Yes of course, you’re right, thank you so much!“

Feuerwerk zum guten Essen

Die beiden Mädels haben der Bucht den Rücken gekehrt. Sie haben das Boot erst ein Jahr und das erst Mal auflaufen ist echt hart – dabei wollten sie in der Bucht bloß zwei Tage chillen!

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