Begegnungen im Schärengarten

von emaloca / am 31.08.2017 / in Allgemein
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(11-2017) Wir tingeln weiter durch die schwedischen Westschären Richtung Norden, begegnen unterschiedlichen Menschen an unterschiedlichen Orten, sammeln weiter fantastische Landschaftseindrücke, wollen von einem Schlemmererlebnis, aber auch von einem herben Verlust berichten.

Während die äußeren Schären zum Skagerrak hin sehr rauh und überwiegend nur mit kärglicher Vegetation bewachsen sind, ändert sich das Bild, wenn man weiter ins Innere des Schärengürtels kommt. Auf den Schären wachsen Fichten, Kiefern, Birken oder vereinzelt eine Eiche, es gibt richtige Wälder. Auch scheinen die Schären höher, man hat manchmal das Gefühl, eher durch ein Gebirgstal zu fahren.

Die Lage, die Lage, die Lage….

Lyckorna – kulinarisch und menschlich betrachtet

Im kleinen Hafen, westlich von der Insel Orust gelegen, sind wir die einzigen Gastlieger. Auch die heimischen Boote sind nicht belegt. Das Restaurant, in dem die Hafengebühr zu zahlen gewesen wäre, ist geschlossen. Dabei hatten wir uns vorgenommen, zum ersten Mal auf dieser Reise essen zu gehen. Auch die Sanitäranlagen sind durch einen für uns unbekannten Code gesperrt, dabei wollte ich so gern mal wieder duschen und das hier recht salzige Meerwasser – man merkt die Nähe zur Nordsee – einmal richtig von der Haut und aus den Haaren spülen. Unser erster Impuls: morgen früh fahren wir schnell weiter.

Aber irgendwann sehe ich Bewegung im Restaurant. Es ist zwar nur für eine geschlossene Gesellschaft geöffnet, wir können aber die Hafengebühr bezahlen und werden von einem freundlichen Kellner in die „Sanitäranlagen“ geleitet. Die sind eher ein privates Bad von einem nicht so armen Menschen: luxuriöse Dusche und Sauna mit direktem Zugang ins Fjordwasser. Herz was willst du mehr. Okay, wir sind (noch) nicht versucht, die Sauna für uns anzuwerfen, denn wir haben nicht das Gefühl, unseren Kreislauf noch mehr ankurbeln und abhärten zu müssen – das macht die unbeständige Wetterlage schon zur Genüge. Aber das Gefühl, wir könnten, wenn wir wollten….

Auch Schweden ist vor Bausünden nicht gefeit, hier in Lyckorna hinter der Kirche

Und wir haben weiter Glück, die Musselbaren, ein auf Miesmuscheln spezialisiertes Restaurant hat geöffnet. Am Nachbartisch sitzen zwei Paare, ein spanisch italienisches und ein deutsch schwedisches. Es entspinnt sich ein anregendes Gespräch, natürlich auch über das Segeln. Denn sie sind auch Segler (wenngleich ohne Segelboot da) und haben uns sogleich als solche eingeschätzt.

Beruflich vertreten die Männer eine bekannte schwedische Bootswerft in einer Preisklasse, über die wir nicht einmal nachdenken müssen. Stolz zeigen die Spanier Fotos von ihrem Segelboot, ein Klassiker aus den 50er Jahren, eine echte Schönheit aus Holz, die sie liebevoll pflegen und mit der sie auch im Winter vor Barcelona segeln.

Sehr gutes Essen, schönes Gebäude: die Musselbaren

Die hier lebenden Deutsch-Schweden empfehlen uns den Renner, Muscheln in einem fein gewürztem Sud mit Fritten, ein absolut guter Rat. Noch nie haben wir so köstliche Miesmuscheln genossen. Zum Dessert gönnen wir uns eine Schokotrüffel vom Feinsten, die langsam auf der Zunge zerging und einen „Käsekuchen“, eine Sünde aus Buttertarte und einem sahnigen geheimnisvoll angemachten Frischkäse. Kurzum: ein Essen das seinen Preis wert war. Und ehrlich, das sagen wir nicht oft.

Wir erfahren, dass die Muscheln vom Wirt im Sund, direkt vor der Haustür gezogen und geerntet werden. Die Deutsch-Schweden erzählen uns, dass sich auch bei ihnen der Klimawandel bemerkbar macht. Früher wäre der Sund im Winter viel länger zugefroren als heute, da könne Trump sagen, was er wolle.

Wir sitzen nach dem Essen noch einige Zeit zusammen und verabschieden uns später herzlich voneinander. Unser erster Eindruck von Lyckorna hat sich total gewandelt, als wir glücklich und zufrieden in unsere Koje krabbeln.

Kungsviken – all is lost

Wir segeln nach Kungsviken, zu dem Ort, an dem unsere Emaloca gebaut wurde. Die Bucht hat etwas Gemütliches. Jetzt wissen wir, woher Emaloca ihren gutmütigen Charakter hat, auch wenn der Wind mal etwas kräftiger weht. Wir legen am ehemaligen Werftsteg an und sind das kleinste und älteste Boot.

Wir erfahren dort sogleich von der Frau, die offensichtlich denYachthafen bewirtschaftet, warum es die Werft seit zwei oder drei Jahren nicht mehr gibt. Der alte Eigner hatte die Traditionswerft an den Sohn von Ericson (den Handy-Hersteller) verkauft, der aber keine Ahnung vom Segeln und von Booten hatte – und so nahm der Niedergang seinen Lauf.  Und wenn wir hier am Steg bleiben wollten, müssten wir 300 Kronen bezahlen, aber zwei Stege weiter sei es wesentlich billiger. Wir sagen, dass wir nur ein paar Fotos von Emaloca und den alten Werftgebäuden machen und die Stimmung an Emalocas Werftplatz einfangen wollten, was uns dann großzügig erlaubt wird.

Emaloca vor der geschlossenen Malö-Werft

Gerd erzählt der Frau auf dem Nachbarboot, die auf einer viel größeren, neueren und viel viel teureren Malö sitzt, ganz begeistert, dass unser Boot auch eine Malö sei, 1978 hier gebaut, eine Malö 40. Die Dame zieht nur die Augenbrauen hoch, sagt: „So! Wir haben auch eine Malö 40!“ und guckt auf unser viel kleineres Boot herab. Gerd bleibt gelassen und erklärt, dass man früher nach der Segelfläche und nicht nach der Bootslänge gegangen sei und die sei bei unserem Boot 40 Quadratmeter. Dann fragt er noch, ob er mal von ihrem Boot ein Foto von unserem vor dem alten Werftgebäude machen dürfte. Es wird gnädig erlaubt: „Gehen Sie, nun gehen sie schon!“ Auf der anderen Seite von uns liegt eine große, teure Hallberg Rassy. Sie muss schon lange nicht mehr bewegt worden sein, ihr Unterwasserschiff ist von langen Algen bewachsen. Auch die anderen Boote am Steg passen überhaupt nicht zu unserer Emaloca.

Ich fühle mich hier ziemlich fremd und will eigentlich schnell wieder weg – nur noch ein paar Fotos machen. Ich schnappe mir die Tasche mit der Videokamera – der Fotoapparat ist ja schon vor Längerem in Streik getreten – und will auf den Seitensteg klettern. Da bleibt die Tasche kurz an dem Wand hängen, dreht sich um und plopp fällt die Kamera ins 6 Meter tiefe Wasser und damit auch alle bislang gemachten Videoaufnahmen. Die Fotos hatte ich immer auf dem Laptop abgespeichert, aber die Videos nicht, da gab es ein technisches Problem, das ich zu Hause lösen wollte. Fassungslos starre ich ins Wasser und sehe nur noch ein paar Luftblasen aufsteigen.

Zum Glück nur die Kamera, Skipper und Smutje sind heil und gesund an Bord!

Ich verkrieche mich erst einmal ins Boot und ziehe mir die Decke über den Kopf. Mein Skipper macht einen Tee, während ich noch um Fassung ringe. Jetzt bleibt uns noch das Handy zum fotografieren.

Wir legen wieder ab, fahren ein paar Buchten weiter und legen an einer bewaldeten Schäre an. Arg deprimiert und bleischwer kriechen wir in unsere Koje.

Nordische Melancholie, passend zu unserer Stimmung!

Am nächsten Morgen werden wir von Schafen geweckt.

Wir trauern um die Kamera, ihr Kommentar: mäh, mäh.

Gleichklang in Bassholmen

Durch ein wahres Schärenlabyrinth geht es im engen Fahrwasser nach Bassholmen, einem kleinen Museumshafen, in dem Fischerboote der letzten Jahrhundertwende, liebevoll restauriert zu sehen sind und einem die schwere Arbeit der Fischer nahe gebracht wird. Wir wollen dort nur ein paar Stunden bleiben, Boote und Museum angucken und dann weiter in eine Ankerbucht fahren. Aber der letzte Öffnungstag war genau eine Woche bevor wir ankamen. Dennoch, wir haben angelegt, stehen auf dem Steg, sehen uns um und es ist klar: „Wir bleiben hier!“

Zeugnisse von harter Arbeit!

Bassholmen wirkt wie ein in eine Schäre eingebettetes, friedvolles Nest, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Wir sind zunächst das einzige Boot am Steg, aber bald darauf kommt ein schwedisches Segelboot dazu. Außer einem freundlichen „Hey, hey“ sprechen wir nicht weiter miteinander. Die beiden Schweden sitzen und saugen die friedliche Atmosphäre des Ortes ein, genau wie wir. Am späten Nachmittag treffe ich den einen Schweden am Steg, er sagt nur: „What a wonderfull place and a perfect day!“ Ich stimme ihm lächelnd zu.

Abends grillen die beiden selbst gefangene Makrelen und bieten uns eine Kostprobe an. Wir erzählen von unserer Angel, die wir mit Emaloca gekauft, aber noch nie benutzt hätten. Das müssten wir wohl endlich mal ändern. Sie schütteln den Kopf: „Nein, keine Angel!“und der ältere Schwede zeigt uns sein Angelzeug. Eine Schnur, aufgewickelt auf einem Plastikhalter, ähnlich denen, auf den Drachenschnüre aufgewickelt sind. Erst am Ende der Schnur kommt ein Stück Angelsehne mit einem Haken. Zwischen Schnur und Sehne sitzt ein Gleitkörper aus Plastik, der dafür sorgt, dass der Haken in der richtigen Tiefe hängt und hochkommt, wenn ein Fisch angebissen hat.

Gerd ist von der Funktionsweise überzeugt und will im nächsten Hafen so etwas kaufen. „Nein, nicht kaufen, ich habe zwei. Ich schenke euch eines. Ihr werdet bestimmt Makrelen damit fangen!“ Ganz berührt stehen wir vor ihm, bedanken uns herzlich und sagen, dass, wenn wir Makrelen fangen und essen, wir immer an sie und an Bassholmen denken werden!“

Inzwischen hat noch eine alte Ketch angelegt. Das Paar lädt uns auf ihr Boot ein, erzählt von seinen Überlegungen entweder nach Island oder nach Portugal zu segeln und gibt uns Tipps für unseren weiteren Törn. Noch zwei weitere Boote legen an, alle in Alter und Größe zueinander und zu dem wunderbaren Ort passend. Wie anders war doch das Gefühl in Kungsviken vor der stillgelegten Malö-Werft gewesen. Ganz beseelt kuscheln wir uns in die Koje und ziehen am Morgen weiter, um Makrelen zu angeln.

 

2 Kommentare

  • Ernst says:

    Hey ihr tollen Segler!
    Die Berichte sind spannend geschrieben! Liebe Anke, du hast Talent! Aber dein Skipper muss sein Verhältnis zum Wettergott mal überdenken.
    Ein bisschen Neid und Sehnsucht kommt beim lesen auf – aber unser Schiff ist schon im Winterschlaf. Wir wünschen euch endlich besseres Wetter und noch viele schöne Tage.
    Liebe Grüße
    von Ingrid und Ernst

    • emaloca says:

      Lieber Cousin und Liebe Angetraute, wir sind den Westschären restlos verfallen. Aber für nächstes Jahr haben wir geplant, euch im Osten zu treffen. Wir unterstellen uns dann euren guten Beziehungen zum Wettergott. Okay?

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