Südwind, Südwind – und nur 979 Hectopascal

von emaloca / am 15.09.2017 / in Allgemein
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(15-2017) Der Wind heult in den Wanten, die Fallen der Segelboote im Hafen erwecken mit ihrem Geklacker den Eindruck, es herrscht hier auf der Ostsee Almabtrieb. Wir liegen in einem Hafen 12 Seemeilen südlich von Göteborg und warten darauf, dass der starke Südwind endlich aufhört und gemächlicher wehend aus einer anderen Richtung kommt – und nicht daher, wo wir hinwollen.

Das geht nun schon seit über einer Woche so. Wenn der Südwind eine Pause macht, dann so gründlich, dass kein gar kein Windhauch zu spüren ist – um danach mit aller Macht wieder aus Süden loszulegen. Die heftigen Regenschauer, die er mitbringt, sind auch nicht zu verachten.

Da wir uns schon an die Wetterkapriolen in diesem Sommer gewöhnt haben und zudem seid einigen Wochen unterwegs sind, nehmen wir es mit Gelassenheit und finden dabei immer besondere Orte oder einprägsame Begegnungen.

Gullholmen, ein pittoresker Ort in den Schären

Als wir die wundervollen Koster-Inseln verließen war uns der Wettergott noch einen Tag lang hold. Die Sonne schien und wir segelten außerhalb des Schärengürtels mit einem frischen Halbwind die 45 Seemeilen bis nach Gullholmen auf der Insel Hermanö, westlich von Orust. Obwohl wir auf dem Hinweg durch den Schärengürtel für diese Strecke über 2 Wochen gebraucht haben, ist unser Eindruck, noch längst nicht alles gesehen zu haben.

Gullholmen

Gullholmen ist ein verträumter, idyllisch gelegener kleiner Ort, eines der ältesten Fischerdörfer Schwedens, in dem es aber schon längst keine Fischer mehr gibt. Die meisten Häuser werden als Sommer- und/oder Ferienhäuser genutzt. 81 Menschen leben im Winter dort, erzählte uns ein Alteingessener. Er war früher Deutschlehrer und hatte die alte Schule zu einem Naturkundemuseum über die Tier- und vor allem die Vogelwelt der Insel gestaltet. Wir erhielten eine Privatführung. Er hatte hunderte von Seevögeln präpariert und viel darüber erzählen.„Stellen Sie sich genau hier her und gucken Sie nach oben!“ Die Augen einer Heringsmöwe fixierten mich, dazwischen ein spitzer, langer Schnabel. „Jetzt sind Sie ein Hering!“ Nein, lieber doch nicht! Fotos belegten zu unserem Erstaunen, dass es auch Elche und Biber auf der Insel gab.

Gullholmen

Marstrand, das Mondäne hält schon Winterschlaf

Der Regen hatte am Mittag aufgehört und wir segelten unter Genua mir raumen Wind nach Marstrand. Vor zwei Wochen waren wir durch die durch einen Sund geteilte Stadt gesegelt und hatten pulsierendes Wochenendleben gesehen, das Flair des berühmten schwedischen Segelzentrums war noch zu spüren gewesen. Jetzt herrschte nur noch gähnende Leere, nicht nur in den Häfen, Restaurants und Geschäfte waren geschlossen, die Bürgersteige hochgeklappt. Der Film „Tod in Venedig“ fiel uns ein, der einsetzende Nieselregen passte perfekt dazu.

Im engen Fahrwasser nach Göteborg

Die vorhergesagte Schlechtwetterperiode wollten wir für den Stadtbesuch Göteborgs nutzen. Doch zuvor ging es durch ein heikles Binnenfahrwasser. So manches Mal standen mir die Haare zu Berge, denn mein Skipper hatte auch noch den Ehrgeiz dieses unter Segeln zu passieren und nahm nur im äußersten Notfall den Motor zu Hilfe. Ich war sicher, dass wir irgendwann auf einen Felsen auflaufen würden.

Reine Nervensache, da geht es durch!

„Das kann nicht richtig sein, wir sind falsch. Dreh um!“ „Warum vertraust du mir nicht, vertrau mir doch!“ „Das tue ich ja im Prinzip auch, wenn hier die Felsen nur nicht überall wären, zu eng, zu viele!“ Aber mein Skipper behielt recht, wir kamen ohne Grundberührung aus,

Wir entschieden uns für den Hafen Langedrag etwas außerhalb von Göteborg, der zum königlichen Yachtclub gehört und ein Ausbildungs- und Regattazentrum ist.

Die Jugend trainierte bei jedem Wetter

Göteborg hat sich in den drei Regentagen, die wir dort verbrachten, nicht richtig erschlossen. Die Stadt war einfach von grauen Regenwolken verschlossen. Sie erschien uns weitläufig und längst nicht so hektisch wie andere Städte mit rd 450.00 Einwohnern. Notizen von meinem Skipper dazu: „1. Hafentag: Dauerregen. 2. Hafentag: etwas Regen, Göteborg zu Fuß. Lahme Füße aber angenehm entspannte skandinavische Weitläufigkeit mit sichtbarer Migrationsvielfalt. 3. Hafentag: viel Regen. Nettes Seefahrtsmuseum mit spannender Sonderausstellung zur Auswanderungswelle um die letzte Jahrhundertwende von 1,25 Millionen Schweden nach Amerika.“

Da hilft auch kein Gennaker-Segel – Null Wind

Yttre Tistlarna, bezaubernder Abschied von den Schären

Am vierten Tag schien die Sonne und wir verließen Göteborg. Wir brauchten mal wieder die Seeluft und den weiten Horizont. So motorten wir bei Windstille die 11 Seemeilen zum südlichsten Außenposten der Schärenwelt, dem einstigen Lotsenhafen Yttre Tistlarna.

Blick auf den Leuchtturm

Auf der Fahrt dahin fingen wir noch eine große Makrele für unser Abendessen.

Der Skipper filetiert die Makrele am Steg!

Glattpolierte, runde Felsbuckel, in kleinen Mulden wachsen Hornveilchen oder Fetthenne, ab und schreckt ein Feldhase vor uns auf, Stille und weiter Blick über das Meer und die Schärenwelt. Die Handvoll Häuser auf der kleinen Insel, waren nicht mehr belegt.

Wir lagen an einem kleinen Fischersteg und waren uns einig, den richtigen Ort gefunden zu haben um Abschied zu nehmen von der Schärenwelt. Denn am nächsten Morgen sollten wir uns einen Hafen suchen, der Wetterbericht verhieß mal wieder mehrere Tage Starkwind – natürlich wieder aus Süd mit starken Niederschlägen.

Warten auf den richtigen Wind – aber dann

Vier Nächte mit viel Südwind und viel Regen lagen wir im Hafen auf der Halbinsel Vallda Sandö.

Im Hafen wurde eine Vorrichtung zur Luftblasenerzeugung gegen Eisgang getestet, auf einer großen Fläche vor dem Hafen wurden Markierungen aufgebracht und Böcke hingestellt als Winterlager für die Boote. Unser Barometer fiel auf 979 Hectopascal – und wir warteten auf den richtigen Wind….

Wir kamen mit einer Schwedin, so um die 80 Jahre alt, ins Gespräch, nachdem sie wie mein Skipper ins inzwischen 16 Grad (!) kalte Wasser getaucht war. Die alte Dame hatte früher einige Zeit in Deutschland gelebt und gearbeitet. Wir schwärmten von den Schären, sie von der Mosel.

Ein anderer Schwede hatte ein ihm sehr ernstes Anliegen. „Entschuldigung, darf ich Sie mal fragen, ob in Deutschland Nazis demonstrieren und ihre Symbole zeigen dürfen?“ Er hatte gerade in der Zeitung gelesen, dass ungefähr 500 Nazis in Göteborg marschiert seien, an Yom Kippur, einem hohen jüdischen Feiertag. Ihre Route führte ganz in die Nähe der Synagoge. „So etwas darf ihnen doch nicht erlaubt werden! Das ist eine Schande, ich schäme mich so,“ wiederholte er mehrmals. Wieder kamen wir auf das wichtige Projekt Europa zu sprechen und dass Demokratie kein Selbstläufer ist.

Es geht voran – langsam

Endlich konnten wir weiter, 46 Seemeilen bis nach Falkenberg und von dort nach Halmstad. Wir sind also immer noch in Schweden und für morgen ist wieder schwacher Südwind angesagt.

1 Kommentar

  • Hans Schwarz says:

    Oh , wie schön. Die vielen Felsen am Meer erinnern mich an Grönfjorden in Norwegen, so etwas links von Kristiansand.
    Da habe ich so einige Dorsche aus 180 Metern Tiefe hochholen müssen, Das war harte Arbeit mit einer Angel noch mit Kurbel versehen. Heute nimmt man bei solchen Tiefen besser Angeln mit Elektroantrieb zum Einholen der Fische.

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