Von „Hey, Hey“ wieder nach „Moin, Moin“

von emaloca / am 02.10.2017 / in Allgemein
4

(17-2017) Was in Schweden „hey, hey“ ist, heisst in Dänemark „High“ und in Orth auf Fehmarn „Moin, moin“. Wir sind nach zweieinhalb Monaten wieder in unserem Heimathafen angekommen. Doch davor gab es noch eine beeindruckende Kalkfelsenküste zu entdecken, wobei wir den kalten Krieg ausgeklammert haben und zum Schluss mit unserem Langkieler auch noch einen auf römisch-katolisch machen mussten.

Ganz so schnell bekamen wir denn doch noch kein „Moin, Moin“ zu hören. Als wir in Ishöy südlich von Kopenhagen ablegten, kam der angekündigte Wind zunächst nur zögerlich, brachte uns dann aber immerhin 20 Seemeilen weit, bis ihm wieder die Puste ausging und nur noch die Wellen übrig blieben. Die Segel schlugen hin und her und wir mussten motoren. Die Frage, ob wir noch 4 Stunden unter Motor weiter fahren sollten um unseren Plan ca. 40 Seemeilen in Richtung Heimathafen zu kommen, beantwortete uns ein plötzlich aufgezogener Seenebel.

Leuchtend weiße Steilküste von Stevns Klint

Gut, dass wir uns ganz in der Nähe des Hafens Rödvig befanden, schlecht, dass wir laut Karte mitten durch ein Gebiet fuhren, in dem „Stellnetzfischerei“ betrieben wird.

Stellnetze an Land

Also Augen auf und schon sahen wir gerade noch rechtzeitig direkt vor uns viele kleine, unscheinbare Bojen, die ein solches Stellnetz markieren. Ganz schnell Ruder hart Backbord legen … und wo kommt das Segelboot so plötzlich her? Nach 20 Minuten war der Nebel so plötzlich wie er gekommen war verschwunden. Der Hafen Rödvig und die beeindruckende Kalkfelsenküste Stevns Klint lag wieder klar vor uns. Diese Küste wollten wir uns unbedingt näher angucken, also hieß es am nächsten Tag nicht Segel hoch, sondern Fahrräder raus.

Stevns Klint – Fischton und Kalter Krieg

Die Steilküste ist ein Zeugnis wichtiger geologische Ereignisse. Neben meterdicken fossilienreicher Kalkschichten lässt sich in einer Ascheschicht der sogenannte Fischton finden. Hierin finden sich Spuren eines Asteorideneinschlages vor ca. 70 Millionen Jahren, der für ein Aussterben eines Großteils der damaligen Arten verantwortlich gemacht wird.

Eine der dunklen Schichten ist der Fischton

Millionen Jahre später während des Kalten Krieges spielte die Region für die Überwachung des Öresundes eine wichtige Rolle. Heute kann ein großes ehemaliges Militärgelände mit seinem Atombomben sicheren Tunnelsystem und Abwehrraketen besichtigt werden.

Ausgemustertes Arsenal – immer noch gruselig

Wir fragten uns, ob der erst vor einigen Jahren gepflanzte Apfelbaum am Eingang symbolische Bedeutung haben sollte: Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen? Wie dem auch sei, wir pflückten ein paar Äpfel (lecker), verzichteten auf eine Besichtigung und fuhren weiter zum Leuchtturm Stevns Klint. Von ihm konnten wir noch einmal die Öresundbrücke sehen, die seit einigen Jahren Dänemark und Schweden verbindet.

Heute lauern im Herbst Hobby-Ornithologen mit großen Objektiven auf den jährlichen Greifvogelrückflug, denn die weißen Klippen dienen den Vögeln als Orientierungsmarke.

Römisch-katholisch in Guldborg

Am nächsten Tag ging es weiter bis vor die Brücke von Guldborg, die den Eingang zum gleichnamigen Sund bildet, der Lolland und Falster trennt.

Bis zur Brücke hatte mein Skipper zu seinem Vergnügen endlich mal wieder eine seglerische Herausforderung: bei Starkwind, zum Teil hart gegenan, das enge und knifflige Fahrwasser des Bogestroms ausschließlich unter Segeln zu bewältigen.

Wir hatten vorschriftsmäßig die Flagge N als Aufforderung zur Brücenöffnung gehisst aber die Anzeigetafel zeigte als nächste Öffnungszeit konsequent „00.00“ an. Wir drehten mehrere Kringel vor der Brücke und warteten und warteten. Nach vergeblichen Bemühungen, den Brückenwärter anzufunken, versuchten wir per Telefon den Hafenmeister von Guldborg zu erreichen. Glück gehabt, jemand ging ans Telefon, aber nur um uns mitzuteilen, dass er gar nicht wüsste, ob die Brücke überhaupt noch öffnet.

Gulkdborgbrücke bei Nacht – geöffnet für ein Küstenmotorschiff

Als wir uns noch fassungslos anstarrten, sah ich, dass sich eine Hälfte der Brücke nach oben bewegte. Also nichts wie hin und durch und gleich in den kleinen hinter der Brücke liegenden Hafen einbiegen. Upps, der ist aber eng, die Gasse noch enger und unser Boot ist ein Langkieler. So sehr Emaloca beim Segeln willig und sanft durch die Wellen gleitet, so eigen gebärt sie sich, wenn sie unter Motor rückwärts fahren soll. Wenn dann noch der Wind das Boot in die falsche Richtung drückt, ist ein Wenden auf engem Raum schwer möglich.

Wir liegen quer in der Fahrgasse. Mein Skipper gibt die Order: „Alle Fender an Steuerbord raus.“ Ich verstehe zwar nicht warum, aber sein Tonfall lässt keine Warum-Frage zu. Also Order ausführen und da sehe ich, was er vorhat: wir legen römisch-katholisch an und fahren rückwärts in die Box. Kaum zu glauben, es klappt! Dabei sind wir im Guldborg-Sund und nicht im Mittelmeer, wo diese Form  des Anlegens üblich ist. Ich will vom Heck aus auf den Steg springen und Emaloca festmachen, doch genau da ist eine Bohle zur Hälfte weggebrochen. Aber die anderen halten. Ich zeuge dem Skipper meine Anerkennung für seine spontane Reaktion. „Du kennst doch mein Motto: Ich will dahin, wo das Schiff hinfährt!“

Der nächste Tag bringt uns durch den Guldborg-Sund nach Gedser. Jetzt sind es nur noch gut 30 Seemeilen nach Fehmarn. Auf der Route liegt der Kiel-Ostsee-Weg, eine viel befahrene Schiffsautobahn. Wir geraten bei unserer Querung in ein Getümmel von 7 Containerschiffen, Fähren und Kümos. Eigentlich haben segelnde Boote Vorfahrt und die großen Pötte müssten Rücksicht nehmen. Bei einem Schiff können wir auch wahrnehmen, dass der Bug langsam auswandert, es wird hinter uns durchgehen. Erleichterung – aber ein anderer Pott macht keinerlei Anstalt, seinen Kurs zu ändern. Wir kommen uns näher und näher, zu nahe für unseren Geschmack. Wir ändern, so weit es geht unseren Kurs und müssen eine ganze Weile parallel neben dem Ungetüm herfahren. Dann sehen wir auch noch eine merkwürdige Tonne, die in keiner Karte eingezeichnet ist – und warum hat die eine Bugwelle und kommt auch noch näher? Es ist ein U-Boot. Kurz zuvor war auch noch ein Patrouillenboot, vorn und hinten mit Geschützen ausgestattet, an uns vorbei gefahren. Wir freuen uns, als wir wieder ein friedliches Segelboot sehen.

Nachtleben in der Kneipe Kap Orth

Immer was los in Orth

In unserem Heimathafen Orth hören wir wieder das vertraute „Moin, Moin“, erleiden aber fast einen Kulturschock. Denn anders als in den schwedischen und dänischen Häfen im Herbst, pulsiert hier das Seglerleben fast wie in der Hochsaison. Boote kommen und fahren, Kneipe, Café und Gaststätte … alles geöffnet, viele Menschen flanieren im Hafen. Es war schönes Spätsommerwetter und viele nutzten den 3. Oktober mit dem langen Wochenende zum Absegeln.

Vorbereitung für den Winterschlaf

Und wie geht es uns? Wir haben eine wunderbare Reise hinter uns, die sicher noch lange in uns nachklingen wird – das beste Elixier gegen mögliche Ruhestandsdepressionen. Nun freuen wir uns auf unser Zuhause und die Freunde dort, sind aber schon dabei, erste Pläne für die nächste Segelsaison zu schmieden.

Die See kann auch Kunst

4 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.