Der Mälarensee – Stockholm muss warten

von emaloca / am 30.06.2018 / in Ostseetörns
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(8-2018) Auf unserem Weg nach Stockholm baden wir uns und Emaloca im Süsswasser des Mälarensees, bewundern Schloss Gripsholm in Marienfred, haben eine berührende Begegnung am Grab von Tucholsky, schlafen schließlich in Stockholm unter einer Brücke und sprechen nicht mehr über Fussball!

Nach etlichen Tagen in der Schärenwelt mit Ernst und Ingrid segeln wir nach Trosa, einer kleinen Stadt mit Puppenstubenromantik, wie geschaffen für eine Lindström-Filmkulisse. Dort verabschieden wir uns von den beiden. Denn uns zieht es so langsam mal in eine richtige Stadt.

Noch einmal Schärennavigation…

…dann Trosa, die Filmkulissenstadt

Der Mälarensee

Der kürzeste Seeweg nach Stockholm führt über den Mälarensee. Der Wasserstandsunterschied zwischen See und Ostsee beträgt nur 50 Zentimeter und wird mit Hilfe einer Schleuse überwunden. Aber wenn wir schon einmal im See sind…. es sind 30 Grad angesagt … bei solchen Temperaturen eine Großstadt ansehen …. wir entscheiden uns für einen Abstecher nach Marienfred.

Leider müssen wir motoren. Denn es weht nur ein ganz laues Lüftchen, kein Wind, den unsere Schwedenlady Emaloca mit ihren 6,5 Tonnen als segelbar akzeptieren würde. Sogar die schönen, schlanken Schärenkreuzer tun sich schwer.

Die Ufer des Mälarensees lassen über weite Strecken nicht erkennen, dass Stockholm gar nicht so weit ist!

Marienfred mit Schloss Gripsholm

In Marienfred haben wir unseren Liegeplatz direkt vor dem Schloss Gripsholm – was sich an der Hafengebühr von knapp 30 EUR niederschlägt. Aber die Schlossanlage ist wirklich beeindruckend. Der Ort ist wie Trosa auch so ein Filmkulissenstädtchen. Zu unserem Erstaunen hören wir, dass die Bevölkerung in beiden Städten wächst. An ihren Rändern würden Neubaugebiete entstehen, die Bahnverbindungen nach Stockholm würden verbessert, um den Wohnort noch attraktiver zu machen.

Tucholsky und die alte Dame

In Marienfred liegt auch das Grab von Kurt Tucholsky. Dieser ist 1929 aus Deutschland nach Schweden ausgewandert. Schon früh wurden seine Werke von den Nazis verboten und ihm wurde die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Drei mal versuchte Tucholsky erfolglos, die schwedische Staatsbürgerschaft zu erlangen. 1935 nahm er sich das Leben.

An seinem Grab lassen wir uns per Handy von Harry Rowohlt das Gedicht „Das Ideal“ vortragen. Er ironisiert auf herrliche Weise die Begier des Menschen, alles gleichzeitig haben zu wollen.

Der Grabstein von Tucholsky: Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis

Während wir uns die Grabinschrift durchlesen nähert sich eine alte, zerbrechlich wirkende Dame. Mit leuchtenden Augen spricht sie uns an: „Wenn man schon hier ist, muss man doch zu seinem Grab gehen. Seine Waffe waren die Worte. Er hat damit gegen die Nazis gekämpft.“ Sie sei 1936 geboren und so froh, dass ihr Vater kein Nazi war. „Er hat nicht direkt im Widerstand gekämpft, ihn aber unterstützt. Seine Arbeit als Beamter hat er aufgegeben und ist weit weg gezogen. Ich bin so glücklich darüber, dass er so gehandelt hat!“ Welch eine andere Begegnung als vor ein paar Wochen auf einer Schäre mit einem Holocaust-Relativierer.

Etwas entfernt beobachten uns leicht skeptisch ihre zwei Begleiter, ihr Mann und sein Bruder, wie sie uns erklärt. Sie schafft es, die beiden zu uns zu locken und Gerd fragt spontan, ob er ihnen ein Gedicht von Tucholsky vorlesen soll. Die alte Dame strahlt, die beiden Herren schweigen, setzen sich aber auf die Bank vor dem Grab. Gerd liest nun (fast so gut wie Harry Rowohlt) das Gedicht von 1927 vor. Manchmal lachen die drei auf, nicken oder schütteln die Köpfe. Dann wünschen wir ihnen noch eine gute Reise und verabschieden uns. Schmunzelnd hören wir noch, wie die alte Dame ihre Begleiter über uns aufklärt: „Das sind Segler, die sind mit dem Segelboot hierher gekommen.“ Wir gehen in die Buchhandlung und erstehen dort auf deutsch den kleinen Roman „Schloss Gripsholm“ von Tucholsky und machen uns dann auf, um in einer herrlichen Badebucht zu ankern.

Nachts um halb eins in der Ankerbucht!

Erste Eindrücke von der Großstadt

Am nächsten Tag geht es nach Stockholm, eine weite Strecke unter Segeln. Und nun liegen wir hier im Västerbrohamn direkt unter einer Autobrücke. Vor uns das Panorama der Stadt mit dem Stadshuset, in dem die Nobelpreise vergeben werden und der Altstadt. Neben uns ein Fahrwasser. Hier wuseln Motor- und Segelboote aller Art, Stehpaddler, Kanuten, Ruderer, Jetskys oder kleine, historische Ausflugsdampfer mit dicker Qualmwolke durcheinander. Vom anderen Ufer erschallt Diskomusik. Über uns verläuft nicht nur die Brücke, sondern auch die Einflugschneise eines Regionalflughafens. Wir sitzen im Cockpit und staunen über so viel Leben und Geschäftigkeit und nähern uns so langsam der Stadt. Dazu gehört auch ein Bad im Hafen, denn in Stockholm ist das Wasser so sauber, dass man überall schwimmen gehen kann, was auch ausgbiebig getan wird. Ist das nicht fantastisch?

Stockholm badet, jeder Felsen ist besetzt!

P.S.

Nein, der Hamburger Segeler hat Recht, über Fussball wird nicht mehr gesprochen!

 

3 Kommentare

  • Hans Schwarz says:

    Hallo liebe Segler,
    was für ein schöner Bericht, Am Grab von Kurt Tucholski und dazu so eine erfüllende Begegnung! Ich wäre gern mit dabei gewesen…
    Schweden zumTräumen. Bin sehr gespannt ,was folgt.
    Wir fahren heute nach Seehausen am Staffelsee ins Ankerzentrum.
    Ca. 18.00 ist Abfahrt. In zwei Tagen habe ich Geburtstag und wache mit Blick über den See auf. Alles weiß-blau, einfach super!
    Schon in Stockholm die Stadt erkundet?

  • dorit croissier says:

    Hallo – ihr Beiden,
    zum 1.Mal besuche ich den Blog. Diese ‚Tucholski-Geschichte‘ hat mir auch sehr gefallen. Erfahrungen wie diese machen doch das (Segler-) Leben lebenswert. Eure Erlebnisse sind lesenswert. Weiterhin AHOI und den treibenden Wind dazu.
    Herzliche Grüße
    Dorit

    P.S.: der Kirschenklau im Garten war mikrig in der Ernte. Nur Fallobst. Meine Angst, im Baum zu klettern, war zu groß

    • emaloca says:

      Dann versuche es mit den Himbeeren, da musst du nicht klettern. Aber es ist eine späte Sorte. Tucholskyerlebnis hat uns auch berührt, vor allen Dingen nach dieser gegenteiligen Erfahrung vorher.

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