Europa und das Meer- Segleransichten

von emaloca / am 15.07.2018 / in Allgemein
3

Das deutsche historische Museum Berlin hat zu einer Blogparade aufgerufen: „Europa und das Meer.“ Das Thema ist uns eine Herzensangelegenheit. Wir sind seit zwei Monaten mit dem Segelboot unterwegs. Wir möchten erzählen, wie wir uns als Europäer mit dem Meer verbunden fühlen und was es uns lehrt.

Knalleffekt

Wir liegen im Hafen von Mariehamn auf den finnischen Alandinseln. Pötzlich gibt es abends einen so lauten Knall, dass wir zusammenfahren. Unser Fazit: „Da muss wohl jemand mit Feuerwerkskörpern gespielt haben!“ Doch am nächsten Abend derselbe durchdringliche Knall. Wir werden aufgeklärt: „Es ist der Zapfenstreich, die Landesflaggen sind einzuholen.“ „Und warum?“ „Das ist eine alte Tradition!“ „Aha, und was besagt die?“ fragen wir und wissen doch schon die Antwort. „Es sollte früher bedeuten, dass nach Sonnenuntergang nicht mehr auf den Feind geschossen wurde und die Kämpfe bis zum nächsten Morgen eingestellt waren!“ Das ist nun wirklich keine Tradition, die wir aufrecht erhalten möchten. Denn diese besagt letztlich, dass ehrenvoll Krieg führen bedeutet, erst wieder im Morgengrauen zu versuchen, den Feind zu töten und fremde Territorien zu erobern.

Landverbindung

Unser Segelrevier ist die Ostsee. Neun Länder grenzen an dieses wunderbare Meer: Dänemark, ein kleines Stück von Norwegen, Schweden, Finnland, Russland, Estland, Lettland, Litauen, Polen und Deutschland! Und dank Europa können wir frei in diese Länder segeln, nur für Russland ist ein Visum erforderlich. Kein ein- oder ausklarieren, welche fantastische Reisefreiheit.

Wir Segler wissen, dass das Meer verbindet und nicht trennt. Wir können durch das schwedische Schärenlabyrinth, das aus Abermillionen Jahre alten Felsen besteht, hinaus und hinüber zur polnischen Küste mit ihren endlos langen Sandstränden und Wanderdünen oder zu den Steilküsten Schleswig-Holsteins segeln.

Horizonterweiterung

Und erst der Horizont! Nirgends ist er so endlos und so weit wie am Meer. Er lädt geradezu ein, seine Gedanken schweifen zu lassen. So weit der Horizont ist, so wenig Platz lässt er doch für halsstarrige Gedanken und Rechthaberei. Die lösen sich einfach auf, je länger man in die Ferne blickt. Der eigene Horizont weitet sich!

Einbindung

Das Meer und sein Freund der Wind lehren uns Respekt und Demut. Respekt, weil wir beide nicht bezwingen können, wir haben ihre Stärke zu respektieren und müssen damit umgehen. Demut, weil Meer und Wind uns zeigen können, wie klein wir sind. Sie lassen uns dann aber auch spüren, dass wir ein Teil von etwas ganz, ganz Großem sind. Das können wir auch erfahren in dem großen prächtigen Farben- und Formenspiel von Meer und Himmel. Die feinen, ständig wechselnden Muster, die eine leichte Brise auf die Meeresoberfläche malt; die unterschiedlichen Blau, Grau- und Grünschattierungen des Wassers; die in ihrer Farbenvielfalt nicht zu beschreibenenden Sonnenauf- und Untergänge…. wo sonst können sie so intensiv erlebt werden, wie auf dem Meer?

Ignoranz

Wieso erlauben wir uns bei so viel Schönheit und Erhabenheit, über die Verletzbarkeit des Meeres hinwegzugehen? Der Plastikmüll, der auf dem Meer schwimmt oder an die Ufer gespült wird, ist nur ein sichtbares Zeichen. Die übermäßige Algenblüte, wie wir sie gerade hier Mitte Juli, am 60sten nördlichen Breitengrad erleben, zeigt uns, dass viel zu viel Phosphate und Nitrate durch die großen Flüsse ins Meer gespült werden, Ausflüsse unserer exessiven, zerstörerischen Lebensweise.

Menschlichkeit

Auf dem Meer kann der Mensch erfahren, wie sehr er auf andere Menschen angewiesen ist, denn nicht unbedingt ist in Notfällen institutionelle Hilfe zur Stelle. Wegen eines Motorschadens konnten wir einmal nicht in einen Hafen einlaufen. Wir setzten einen Funkspruch ab, der von einem anderen Segler gehört wurde. Dieses Boot kehrte unseretwegen kurz vor der Hafeneinfahrt um, fuhr zurück ins Schietwetter um uns in sichere Gefilde zu schleppen. Das nennt man gute Seemannschaft.

Auf dem Meer kann einem bewusst werden: Auch du kannst einmal Hilfe benötigen. Von welch zynischer Rohheit ist da die heutige Situation im Mittelmeer? Menschen, die dort versuchen in Seenot geratenen Flüchtlingen zu helfen, werden angeklagt. Das Meer hält uns den Spiegel vor, indem es uns die Toten, Erwachsene und Kinder, an den Strand vor unsere Füße spült.

Zeichen setzen!

Da kommen wir am Ende noch einmal auf die alte Tradition zurück, bei Sonnenuntergang die Flagge einzuholen, als Zeichen, dass die Kriegshandlungen bis zum Morgen eingestellt werden. Wir plädieren dafür, die Lehren des Meeres anzunehmen! Lasst uns eine neue Tradition einführen! Wir sollten die europäische Flagge hissen als Zeichen, dass wir für ein friedliches, verbindendes Europa stehen. Lasst uns dafür einstehen, dass Europa im Jahr 2012 – und dazu gehören auch wir Menschen – den Friedensnobelpreis zu Recht erhalten hat.

Ahoi von der Emaloca

Anke + Gerd

3 Kommentare

  • Tanja Praske says:

    Liebe Anke, lieber Gerd,

    so schön und eine gänzlich neue Perspektive auf #DHMMeer! Zur Blogparade gibt es zwei Beiträge über Kreuzfahrten, der eine anprangernd (Nr. 32), der andere lobend (Nr. 43), aber keiner nahm bislang die Seglerperspektive ein!
    Zwei Monate auf dem Meer zu sein, fordert meinen Respekt ein. Ich hätte wohl viel zu viel Angst vor den Urgewalten – Meer und Wind! Umso schöner Eure Gedanken dazu zu lesen – vielen herzlichen Dank dafür!

    Sonnige Grüße
    Tanja von KULTUR – MUSEUM – TALK

    • emaloca says:

      Hallo Tanja, danke für die positive Rückmeldung. Das Meer ist uns wirklich eine Herzensangelegenheit. Respekt ja unbedingt, aber Angst, nein. Und wir sind so frei und werden noch 2 weitere Monate das Meer geniessen. Über Finnland geht es langsam über die baltischen Staaten und Polen zurück. Wie gesagt, das Meer verbindet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.