Törn-Rodeo: Karlskrona – Erbseninseln

von emaloca / am 10.03.2015 / in Ostseetörns
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Der Urlaub in den schwedischen Schären neigte sich dem Ende entgegen. Ein Schlag von rund 65 Seemeilen von Karlskrona nach Bornholm lag noch vor uns. Am Tag vorher waren wir von Bergkwara gekommen und die letzten 6 Seemeilen bis nach Karlskrona hatten uns einige Anstrengungen gekostet. Der Wind kam direkt von vorn, es hatte sich eine kabbelige See aufgebaut. Wir brauchten gar nicht erst versuchen, mit dem Motor voranzukommen, denn der alte Diesel der Hoy, eine Bandholm 24, hatte gerade mal 8 PS. Also, kreuzen, kreuzen und nochmals kreuzen! An der engsten Stelle hat das Fahrwasser gerademal 200 Meter. Karlskrona in Sichtweite, aber die Stadt kam und kam nicht näher.

Es stand wohl schon Verzweiflung in meinem Gesicht, denn mein Skipper meinte mich aufbauen zu müssen: „Mensch, überleg mal, was wir da machen, das machen nicht viele!“ „Ich will aber lieber das machen, was viele machen!“ platzte es aus mir heraus. Seine Antwort: „Klar zur Wende?“ „Klar!“ Unendliche Wenden später liefen wir in den Hafen ein. Am nächsten Tag war an weitersegeln nicht zu denken, der Wetterbericht verhieß nichts Gutes. Also Pause, auch gut, ich konnte mein Gemüt wieder beruhigen. Der Wetterbericht sagte für den darauffolgenden Tag Windstärke 4, im weiteren Verlauf 5, in Böen 6 voraus. Die Windrichtung bedeutete Halbwindkurs für uns und es war klar: das müssen wir nutzen. Wir verließen in aller Frühe um 4 Uhr angesichts einer zauberhaften Morgenstimmung den Hafen.

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Marinemuseum Karlskrona
Whiskey on the rocks

Vorbei ging‘s an den U-Boot-Sperren, die die Schweden gebaut hatten, nachdem 1981 ein russisches U-Boot der Whiskey-Klasse in diesen Gewässern auf einer Schäre gestrandet war. Wir waren schon vor unserem Törn gewarnt worden, der Vorfall wäre den Schweden doch arg ans Selbstwertgefühl gegangen und sie fänden den Spruch „Whiskey on the rocks“ immer noch nicht witzig. Wenig Wind bei viel alter Welle empfingen uns außerhalb des Schärengürtels und wir freuten uns, dass wir am Vortrag die Arbeitsfock runter und die Genua aufgezogen hatten. Die Bandholm misst zwar nur 24 Fuß, ist aber ein eher untertakeltes, stäbiges Schiff, das erst ab Windstärke 4 seine Qualitäten richtig ausspielen kann. Abwechselnd konnten wir uns noch eine Mütze Schlaf holen.
Nach 3 Stunden frischte der Wind auf und drehte rück. Der Halbwindkurs entwickelte sich zunehmend zu einem Am-Wind-Kurs.

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Stunde um Stunde nahm der Wind zu und zum Wind und zur alten Welle kam die neue Welle. Ich dachte, so muss Rodeo-Reiten sein. Wir waren längst schon angepickt. Mein Skipper band das 1. Reff ins Groß. Kurzfristige Erleichterung, aber der Wind nahm weiter zu, schon bald war das 2. Reff angesagt.

Nur wir und große Tanker

Keine weiteren Segelboote in Sicht, dafür viele große Tanker, als wir ein Hauptfahrwasser, das Bornholm-Gatt, queren müssen. Wir wechseln uns im 2-Stundenrhytmus an der Pinne ab. Die Wellen kommen mal von Backbord, mal von Steuerbord, mal direkt über die Sprayhood, weckducken zwecklos. Windstärke schätzungsweise 6 bis 7. Wir segeln hart am Wind, die Genua ist inzwischen auch auf Sturmsegelgröße eingerefft und steht dementsprechend schlecht (Seufz, ach hätten wir doch nur die Arbeitsfock draufgelassen…). Es wird klar: unter diesen Bedingungen halten wir den Kurs auf Bornholm nicht. „Östlich von Bornholm sind die kleinen Erbseninseln Christansoe und Frederiksoe, dann peilen wir die an,“ erklärt mein Skipper zuversichtlich.

„Zweckoptimus“ wie er mir viel später zu Hause gestand, in Gedanken freundete er sich schon mit einer Nachtfahrt nach Polen an. Ich, davon nichtsahnend, halte mich an den Erbseninseln fest und rechne, dass wir noch rund 4 Stunden brauchen werden. Stoisch blicke ich nach vorn, wissend, dass es keine Alternative gibt – und den Skipper noch zusätzlich durch Jammerei belasten, kommt natürlich auch nicht in Frage. Also Augen zu und durch. Und endlich, endlich sehen wir Bornholm in der Ferne, nicht ganz auf unserem Kurs, aber etwas später kommen auch die viel kleineren, flacheren Erbseninseln in Sicht. Das gibt noch einmal wieder einen neuen Energieschub – und der ist auch nötig, hat der Wind doch noch weiter zugelegt. Inzwischen wechseln wir uns stündlich an der Pinne ab, da der harte Am-Wind-Kurs Steuern zu einem Kräfte zehrenden Akt gemacht hat, da helfen die Bananen und die Müsliriegel nur noch bedingt.

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Ausblick vom Nordhafen auf die Ostsee
Was macht die Leine unter Wasser?

Das Lee des felsigen Graesholmen, nördlich der Inseln verschafft uns endlich eine etwas ruhigere Fahrt. Unter „Vollzeug“ laufen wir in den kleinen Nordhafen ein. Mein Skipper fährt einen perfekten Aufschießer und ich berge schließlich mit zitternden Knien das Groß. Aufbauend ruft er mir zu: „Jetzt sind wir da, hat doch alles super geklappt! Da ist am kleinen Steg auch noch ein Platz zwischen den heimischen Anglerbooten.“ Die Kassandra in mir meldet sich und sagt prophetisch: „Wir sind erst da, wenn wir am Steg liegen!“ Ich mache die Leinen auf dem Vorschiff klar, wir peilen die Lücke an, hängen uns mit der Achterleine an die Mooringboje. „Verdammt“, brülle ich, „da ist ein gespanntes Tau unter Wasser, wir fahren gerade drüber!“ Mein Skipper reagiert sofort und kuppelt den Motor aus und schon hängen wir fest, zwei oder drei Meter vom Steg entfernt. Das Motorboot an Backbord hatte sich an eine falsche Mooringboje gehängt und diese dabei unter Wasser gezogen.

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Blick auf die Südmole

Niemand ist im Hafen. Mein Skipper zieht sich wie immer bei solchen Begebenheiten in Windeseile schicksalsergeben aus und taucht ab. Die Leine hat sich zwischen Kiel und Skeg verklemmt und ist nicht loszubekommen. Also klettert er ins Motorboot und gibt Lose in die Leine, dann wieder ab ins Wasser, tauchen und schließlich kann er uns befreien. Inzwischen hat ein Spaziergänger bemerkt, dass wir in Schwierigkeiten sind und kommt auf den Steg. Ich werfe ihm eine Vorleine zu und bedanke mich überschwänglich bei dem netten Dänen. Mein Skipper hat inzwischen wieder die Leine des Motorbootes festgemacht. Und dann endlich können wir nach 13 Stunden Wellentanz am Steg festmachen. Aufklarieren, dann Tee mit Rum – und den nicht zu knapp.

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Endlich im Hafen
Nachbereitung mit Folgen

2 Tage später saßen wir mit Ralf, dem Eigner der Hoy, auf Bornholm zusammen. Seit Jahren vertraute er uns jedes Jahr für 3 Wochen sein Boot an. Camilla hatte lecker gekocht und wir berichteten von unserem Törn. Mein Skipper enthusiastisch, ich mehr als distanziert: „Nee danke, so was muss ich wirklich nicht haben.“ Ralf analysierte ganz sachlich: „Natürlich, will man solche Situationen nicht unbedingt erleben. Aber es kann beim Segeln immer passieren, dass der Wind mal ein oder zwei Beaufort stärker kommt als angesagt. Du hast doch selbst erzählt, dass du stoisch ohne Panik an der Pinne ausgeharrt hast, weil es keine andere Möglichkeit gab. Das kann dir doch Selbstbewusstsein geben auch in heikleren Situationen einen klaren Kopf zu bewahren und durchzuhalten.“ Ich schwieg skeptisch.

Wir waren schon längst wieder zu Hause als ich allmählich begriff: „Ja, Ralf hat Recht.“ Ich spürte, dass mich dieser Rodeo-Ritt letztlich gestärkt hatte. Tja, und was soll ich sagen, noch im Herbst desselben Jahres (2013)  hatten wir ein eigenes Boot, unsere Emaloca.

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