Mast mit Tinnitus

von emaloca / am 03.06.2015 / in Allgemein
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Tinnitus ist eigentlich ein unangenehmes Pfeifen oder Rauschen im Ohr, oft hervorgerufen durch zu viel Stress im Alltag. Eine gute Präventions- oder Therapiemaßnahme ist ohne Zweifel das Segeln. Mensch ist auf dem Segelboot im Hier und Jetzt und nichts ist erzwingbar, wenn Wind und Wellen nicht mitspielen – mensch muss sich den Elementen hingeben und übt sich in Demut gegenüber den Elementen. 

Wenn nun allerdings der Mast eines Segelbootes Tinnitus hat, ist die Sache etwas anders gelagert. Es handelt sich dabei dann nicht um ein Pfeifen oder Rauschen, sondern um ein penetrantes Klackern und Klötern im Mast, verbunden mit mehr oder minder spürbaren Schwingungen des ganzen Bootes. Segeln hilft auch in so einem Falle, aber sobald das Boot im Hafen oder vor Anker liegt, kann es wieder losgehen. Während Tinnitus im Ohr nur den betroffenen Menschen quält, quält ein Masttinnitus nicht nur die betreffende Bootsmannschaft, sondern auch die auf den Nachbarbooten.

Pfingsten trafen wir nun unseren Segelfreund Ralf, zuerst schon auf See im Westausgang des Svendborg-Sundes und segelten ein kleines Rennen. Per Funk und Zuruf einigten wir uns, in den Hafen der Insel Drejǿ einzulaufen. Kaum festgemacht, hörten wir es: der Mast seines neu erworbenen Bootes hatte Tinnitus – und zwar einen von der ganz lauten Sorte. Eigentlich wollten wir bei uns an Bord mit einem Anleger das wiedersehen feiern, stattdessen diskutierten wir über das Geklötere. Ralf, bemüht mit seinem Mast nicht allein dazustehen behauptete steif und fest, unser Mast würde auch vibrieren, er würde dies genau mit seinem Hintern spüren, da wäre er nämlich sensibel! Wir verteidigten unseren Mast mit den Worten: „Aber er klötert nicht!“ Das ging so eine ganze Weile hin und her, Ralfs Mast untermalte geräuschvoll unsere Unterhaltung. Endlich gestanden wir ihm dann ein, dass unser Mast auch manchmal Tinnitus hat: „aber“ und darauf legten wir Wert, „nur bei bestimmten Windrichtungen und –stärken.“

Ralf schien damit halbwegs zufrieden und verschwand auf sein Boot. Nach einer guten halben Stunde tauchte er wieder auf: „So, nun ist Ruhe! Ich hab 3 Fender den Mast hochgezogen! Aber das muss ich nochmal sagen“ – sprach er in einem Ton, der sehr nach Verteidigung klang – „hier im Hafen haben mindestens noch 4 andere Boote einen Fender am Mast hängen. Ich hab das Problem wohl nicht alleine.“ Wer Drejǿ kennt, weiß, dass es ein sehr kleiner Hafen ist – da sind 4 weitere Boote schon eine Menge.

In der Tat, sein Mast hatte sich beruhigt und das Thema hätte eigentlich abgehakt sein können. Von wegen, es fing erst richtig an. Mein Skipper und Ralf gingen tiefschürfenden Fragen nach: ob es vielleicht ein Fehler sei, dass die 3 Fender alle auf einer Seite seines Mastes hängen würden, ob es besser gewesen wäre, wenn der obere Fender die gleiche Größe wie die anderen hätte, vielleicht müsste die Leine mit den Fendern auch spiralig den Mast umrunden, um einen noch besseren Strömungsabriss zu erreichen…… Einmal mischte ich mich in das Männergespräch ein und erzählte, ich hätte irgendwo, im Palstek oder in der Segeln, gelesen, dass jemand seinen Mast mit Tennisbällen aufgefüllt hätte und seitdem wäre der Mast ruhiggestellt. Diese Äußerung quittierten die Männer mit einem mitleidigem Auflachen und Ralf mit der Bemerkung: „ich spiele aber nun mal kein Tennis, sondern bin Segler!“ Dann diskutierten sie weiter, welche Änderungen beim Trimmen den Mast wie beruhigen könnten. Irgendwann winkte ich ihr Gespräch innerlich durch, Männer und Frauen sind eben unterschiedlich.

b-fender-im-mast

Etliche Stunden später verabschiedete sich Ralf, einig mit meinem Skipper: „Und es hat noch keiner geklärt, warum manche Masten diese Krankheit haben und andere nicht.“ Ach, wirklich?! grinste ich im Stillen. Sollte das jetzt ihre Ehre retten, trotz stundenlanger Diskussion zu keinem Ergebnis gekommen zu sein? Ich weiß es nicht. Aber irgendetwas muss die Debatte gebracht haben, denn als unsere Boote am nächsten Abend vor Lyǿ längsseits an der Boje lagen, hatte Ralf nur einen Fender am Mast hochgezogen und es herrschte Stille. Und in diese Stille hinein fing unsere Dirk ganz leise an zu singen….

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