Von Windstärke 12 bis nach Darlowo, Polen

von emaloca am 29.06.2015 / in Allgemein
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(1 von 12) Montag d. 29.06.15. Wir sind in Darlowo! Gute zwei Tage und 2 Nächte durchgesegelt. Bislang können wir unseren Törn unter die Zeilen von Bert Brecht stellen: „Ja mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht, dann mach noch einen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht!“ Doch von Anfang an:

Samstag d. 27. Juni: entspanntes Ankommen, in Ruhe einklarieren. Rasmus einen ordentlichen Schluck Portwein darbieten und um Windstärke 4 bis 5 bitten. Abends Lagebesprechung in Windstärke 12, einer netten Kneipe in Orth, unserem Heimathafen auf Fehmarn. Die Windprognose ist mau, der Skipper meint, wir werden wahrscheinlich erst am Samstag Abend lossegeln können. Doch am nächsten Morgen um 5:30 Uhr hält mich nichts mehr in der Koje, der Wind ist zwar nicht wie von Rasmus gewünscht 4 bis 5 aber segelbar. Um 7:00 Uhr Leinen los, auf Richtung Klaipeda. Schon kurz hinter der Fehrmarnsundbrücke die 1. Überraschung: Wir werden von ‚Ostpreussen‘ überholt, mit martialisch aussehenden Männern besetzt, über die Zähne bewaffnet mit – Angelruten. Da Klaipeda heute nicht mehr Memel heißt und in Litauen liegt, segeln wir entschlossen weiter.

ostpreusssen

Nichts los auf der Ostsee

Die Windprognose vom Mittag lässt uns Kurs auf Rügen nehmen. Bis zum Nachmittag kommen wir erstaunlich gut voran, dann Flaute. So lassen wir uns einige Zeit neben der Kadettrinne, einem viel befahrenen Schiffahrtsweg zwischen Rostock und Dänemark, treiben bis der Wind am Abend wiederkommt. Gerd erklärt ausführlich seinen Wacheplan für die Nacht, den er in langen Winternächten ausbaldowert hat. Meine Wache fängt um 21:00 Uhr an, Jürgen ist im Standby Modus, so sieht er auch ein wenig aus, nur nicht so entspannt. Die erste Nachtfahrt ist, nun ja, eher langweilig. Erwartet hatte ich überall Seezeichen, Leuchtfeuer, hell beleuchtete Dampfer oder Fischerboote, zu sehen ist nichts, nicht mal Mond und Sterne, denn es ist bewölkt. Um Mitternacht krabbele ich in die von meinem Skipper angewärmte Koje und schlafe tief und fest bis Sonntag Morgen gegen 4:00 Uhr und rufe sogleich begeistert ins Cockpit: „Na Männer, wie isses?!“

Vom langsamen Wachsen der Seebeine

Als Antwort kommt nur ein verhaltenes: „Kannst du mich mal ablösen, ich bin schon stundenlang am Ruder. Jürgen ist schlecht geworden.“ Zu der Zeit segeln wir gerade an Rügen (Kap Arkona) und seinen Kreidefelsen vorbei. Da wir Wind haben, wollen wir weitersegeln. Aber jetzt Richtung Bornholm (knapp 60 Seemeilen) segeln kommt nicht infrage, da dort laut Windprognose Flaute herrscht. Der nächste anlaufbare Hafen liegt in Polen, noch weiter weg. Jürgen unternimmt noch den einen oder anderen Versuch aus der Achterkajüte zu kommen, aber seine Bemühungen enden … ach lassen wir das. Erkenntnis: Seebeine kann mensch nicht erzwingen. Mein Skipper und ich wechseln uns nun im 2-Stunden-Rhythmus ab, wer frei hat, schläft (Segelklamotten bleiben bis auf Jacke und Schuhe an).

Segeln ist zeit-los

Wir müssen uns immer wieder klar machen, weil wir es nicht glauben können: wir sind erst den 2. Tag unterwegs, aber Arbeit, Garten, Haus, Probleme…. alles schon ab dem 1.Tag ganz weit weg. Segeln heißt für meinen Skipper und mich: ein Dasein im hier und jetzt, Ohren, Augen, alle Sinne aufmachen und sich einlassen können.

sonnenaufgang

Montags (29. Juni) morgens um 4 Uhr ist die Welt wieder in Ordnung

Sonntag Abend hat der Wind uns wieder verlassen, nur die Dünung ist noch geblieben. Wir haben beigedreht und treiben langsam dahin. Auch hier in der Pommerschen Bucht ist zwar nichts los, aber ich bleibe im Cockpit und beobachte, wie der Tag schwindet. Diesmal gibt es Mond und Sterne. Irgendwann kommt der Wind wieder, ich wecke meinen Skipper und wir segeln gemächlich dahin.

Als ich später im Morgengrauen wieder am Ruder bin, taucht doch tatsächlich so gegen 4:00 Uhr morgens Jürgens Kopf aus seiner Kajüte. Seine Seebeine sind doch noch gewachsen und um 6:00 Uhr essen wir alle gebratene Spiegeleier mit ‚ahler Wurscht‘. Mein Skipper und ich sind in dem Modus: „Müssen wir eigentlich in den Hafen Darlowo?“ Aber der Wind hat schon wieder nachgelassen. Jürgen, singend am Ruder, meint, eine Pause würde doch ganz gut tun. Wir erreichen Darlowo kurz nach 10 Uhr. Damit haben wir schon fast 200 Seemeilen hinter uns, also beinahe die Hälfte geschafft. Vor uns liegt noch mindestens eine Nachfahrt, da wir die russische Enklave Kaliningrad umgehen müssen. Aber jetzt erst einmal duschen, pennen und dann Darlowo angucken!

darlowo-1

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