Leba – Naturwunder und Absurdistan

von emaloca am 05.07.2015 / in Allgemein
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(3 von 12) 04.07.15 Wir sind in Nidda auf der kurischen Nehrung. Doch davon in einem späteren Blog. In und um Leba bekommt einen gesonderten Blogbeitrag, zu vielschichtig waren die Eindrücke dort.

Auch Leba liegt, wie die anderen Hafenstädte an einer Flußmündung. Diese sind als Kanal gefasst und wie eine Festung gegen die wohl auch mal nicht so freundliche Ostsee geschützt. Wenn man sich von See der Einfahrt nähert, wirken die dicken Steinwälle nicht gerade einladend. Aber kaum hat man die Einfahrt passiert, fühlt man sich sicher wie in Abrahams Schoß. Um die Marina von Leba zu erreichen, muss man ein Stück weit in den Fluss ‚hineinfahren‘, dann in dem Seekanal scharf rechts abbiegen und schon findet man sich in einem fast quadratischen Becken mitten in einem Kiefernwald wieder.

Kiefernwald

Nach unserer Ankunft am frühen Abend (Mittwoch d. 01.07.15) bestätigte uns die Windvorhersage für den nächsten Tag: wenig Wind und der noch aus Ost, genau unsere Richtung. Also Gelegenheit am nächsten Morgen den Slowinski Nationalpark und seine Wanderdüne zu besuchen. Allein schon der Anblick von der Seeseite hatte uns neugierig gemacht. Auf gemieteten, schrottreifen Fahrrädern – aber wie sagt mein Skipper immer: „lieber schlecht gefahren als lange gut gelaufen“ – fuhren wir rund 10 Kilometer durch einen lichten Kiefernwald. Die Sonne zauberte wunderschöne flirrende Lichtreflexe an Baumstämme und Waldboden. Es duftete nach Kiefern. Dann war der Weg zu Ende und wir hielten vor einem hohen Sandberg, der schon einige Kiefern halb begraben hatte.

Die Sahara Polens

Fahrräder abstellen, Sandalen ausziehen und zu Fuß weiter, den „Sandberg“ hinauf. Ich habe noch nie so feinen Sand unter meinen Füßen gespürt. Während meine Füße und ich noch voller Faszination damit beschäftigt waren, diesen Sand zu erfühlen, kam von den Männern schon die Analyse: „Den kannste in ne Sanduhr füllen!“

Endlich oben und wir konnten die ganze Wanderdünenlandschaft erfassen: heller, feiner Sand, Hügel mit unterschiedlichen Sandgebilden, verschiedene Wellenmuster vom Wind in den Sand gemalt, darüber ein strahlend azurblauer Himmel. Die Dünenlandschaft ist etwa 20 Kilometer lang und bis zu 3 Meter breit. Als wir weitergingen kam noch das dunkelblaue Meer als Hintergrund dazu. Staunen pur über eine solche Naturschönheit. Am Strand war natürlich mein erstes Ostseebad der Saison fällig. Mein Skipper, an seiner Männerehre gepackt, folgte ins Wasser.

model

Der Rückweg durch die Dünen hatte etwas von Absurdistan: Kinder, die überglücklich die Sanddünen runterrutschten, krebsrot verbannte Bierbäuche und Rücken, die sich Richtung Meer schoben und, kaum zu glauben, eine Crew, die ein Fotoshooting machten. Männer schleppten schweres Kameraequipment durch die Dünen, ein Mann schminkte die dürren Models, ein anderer toupiert ihre Haare. Die Models standen derweil gelangweilt herum in hohen Stiefeln, deren Schäfte um ihre dürren Waden schlackerten.

Zurück durch den Wald kamen uns dann Heerscharen von Familien und vor allen Dingen Schulklassen entgegen. Wir hatten den Eindruck, dass alle Schüler Polens die rund 10 Kilometer bis zur Düne laufen mussten. Ein anerkennender, mit viel Erfahrungshintergrund versehender Kommentar von Jürgen und meinem Skipper –beide Lehrer – „die schlafen heute Nacht gut.“

„Life is Life“

Nachmittags machten wir uns auf in die Stadt, um Lebensmittel zu bunkern. Wow, was für ein Trubel! Menschenmengen am Stadtkai, Gestalten und Szenarien, aus denen Fellini Filmstoff für sein ganzes Leben gehabt hätte. An einer Fischbude konnte man selbst den fangfrischen Fisch auswählen, der dann in kleinen Räucheröfen frisch geräuchert wurde. Jürgen wollte ein Stück für uns kaufen und kam mit dreien an, einfach zu lecker.

raucherfisch

Die größte und lauteste Attraktion sind als alte Piratenkoggen ausstaffierte Boote, mit denen man eine kurze Fahrt aufs Meer machen kann. Auf der Kommandobrücke des einen Bootes steht ein Paar: er animiert die Passagiere lauthals übers Mikro, sie tanzt und schenkt eine große Piratenflagge, die Passagiere tanzen und winken zu laut schallender Musik mit. Immer wenn diese Boot wiederkommt, dröhnt es „life is life, nanana nana na“. Die andere Piratenkogge steht mehr auf die Ententanzmusik: die Passagiere schwenken ihre Allerwertesten und wackeln mit den angewinkelten Armen. Ein drittes Boot, keine Kogge nur bunt, bietet etwas gesetztere Musik und ein großes Speedboot mit drei dicken Motoren und mit Schwimmwesten ausgestatteten, natürlich jungen Passagieren wartet mit fetziger Discomusik auf. Das Ganze geht von Nachmittags bis abends, wir hatten es schon in unserem Hafen gehört.

koggen-trabbi

Mein Skipper wollte dieses Szenario mit der Gopro-Kamera auf dem Fahrrad filmen. Wir radelten zurück zum Hafen. Da fragte ich so nebenbei nach, ob es eine neue Windvorhersage gibt. Mein Skipper guckt, sagt: „Ja, ich glaube wir sollten heute Nacht noch fahren. Es ist nicht viel Wind, aber die Richtung stimmt.“ Aha. Zwei Minuten später präzisierte er seine Aussage: „ich glaube, wir sollten gleich auslaufen.“ Na denn, schnell für 3 Thermoskannen Wasser kochen, Brote aufschneiden, das Boot aufklarieren und eine Dreiviertelstunde später setze ich das Groß im Hafenkanal in dem Bewusstsein: Jetzt geht es Nonstopp nach Klaipeda. Doch von der zauberhaften 48 stündigen Überfahrt berichten wir später.

anke-bugspriet

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