Neringa: halb litauisch, halb russisch

von emaloca / am 17.07.2015 / in Allgemein
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(6 von 12) Die politische Geschichte von der kurischen Nehrung erklären zu wollen, ist zu komplex. Nur so viel: die Region wurde als eine der letzten christianisiert. Hier lebten Kuren, Litauer, Deutsche miteinander. Dieses Miteinander zerbrach durch den zweiten Weltkrieg. Ein litauischer Reiseführer beschreibt es so: „ Im Spätsommer 1944 wurden angesichts der heranrückenden Front alle Einheimischen nach Deutschland ausgesiedelt.“ Es gab keine einheimische Bevölkerung mehr. Die ersten Neuansiedler nach dem Krieg kamen aus der Sowjetunion, später viele aus Litauen.

Familiäre Spurensuche

spurensuche
Doch trifft es wohl besser, von Flucht zu sprechen, die über das Haff sicherlich nicht geordnet verlief und viele Menschenleben gekostet hat. Die Geschichte meiner Familie väterlicherseits, eine Fischerfamilie, dürfte so ungewöhnlich nicht sein. Der eine Sohn (mein Onkel) ertrinkt beim Fischen. Mein Vater ist zur Wehrmacht eingezogen und in Schleswig-Holstein stationiert. Ein anderer, er ist Fischer, wird  von russischen Soldaten erschossen. Seine Mutter, also meine Großmutter, flieht mit Schwiegertochter und deren beiden Kindern über das Haff. Meine Oma stirbt auf der Flucht, wird irgendwo hinter irgendeiner Scheune notdürftig begraben. Die Kinder (also meine Cousinen) werden durch die Wirren der Flucht von der Mutter getrennt, haben aber Glück: ein russischer Soldat hält schützend seine Hand über sie. Erwachsene aus ihrem Heimatdorf entdecken die beiden zufällig und sie finden wieder mit ihrer Mutter zusammen.

Die litauische Seite

Neringa wurde nach dem Krieg geteilt: die eine Hälfte wurde bis zur Wende litauische Sowjetrepublik, die anderen Hälfte gehörte zur Oblast Kaliningrad. Schon in den zwanziger Jahren war die kurische Nehrung als Ferienort beliebt und zog auch Künstler wie den Maler Max Pechstein oder Thomas Mann an. Auf der litauischen Seite ist dies noch heute zu spüren. Jedes Jahr wird in Nida ein Thomas Mann Festival veranstaltet, das sich in diesem Jahr z.B. mit dem Thema „der große Krieg“ (gemeint ist der 1. Weltkrieg) befasst, in der Sprache deutsch und litauisch.

haus-nida

Der Stil der ehemaligen Fischerhäuser prägt immer noch das Ortsbild, auch neue Häuser orientieren sich daran. Nur manche Erholungsheime sind hässliche Überbleibsel aus den 60er Jahren.

Es gibt eine gute touristische Infrastruktur. Uns fällt auf, dass die litauischen Urlauber schön, jung und die meisten Frauen schwanger sind oder bereits ein Kind haben. Wir reißen den Altersdurchschnitt deutlich nach oben.

Meine Urgroßeltern stammen aus Nida. Das Haus, in dem sie gelebt haben, beherbergt heute ein Bernsteinmuseum. In der Chronik der alten evangelischen Kirche findet sich des Öfteren mein alter kurischer Familienname.

chronik

Die russische Seite

Wir haben uns schon von Deutschland aus ein Visum für den russischen Teil der Nehrung besorgt und radeln nach Pillkoppen, das heute Morskoje heisst. Es ist das Dorf, in dem meine Großeltern gelebt haben und in dem mein Vater aufgewachsen ist. Es liegt nur 10 Kilometer hinter der Grenze – und die gilt es erst einmal zu überqueren.

Litauische Seite: kein Problem, ein freundliches Lächeln und weiter geht es bis zum 1. Russischen Vorposten. Der ist auch noch freundlich, kontrolliert, dass wir Reisepässe haben. Dann kommen wir zur richtigen Kontrolle. Jetzt wird es ernst. Man bedeutet uns (wir sind 6 Personen), wo wir zu warten haben. Mein Skipper sieht ein Schild ‚duty free‘ und macht sich auf den Weg, mal gucken was da so ist. Ganz falsch! Er kommt keine 5 Meter weit und wird mit obrigkeitsstaatlicher Gebärde zurückgepfiffen. Und dann lässt man uns erst einmal stehen, obwohl nichts los ist. Endlich wird uns  doch bedeutet, zum Häuschen zu kommen, wo die Pässe kontrolliert werden. Wir gehen alle hin. Wieder ganz falsch. Wir haben in einer Reihe geordnet anzustehen und einzeln vorzutreten. Das nervt. Wenn man die Person sehen will (die Scheiben lassen nur schemenhaft erkennen, wer dahinter sitzt), muss man sich demutsvoll verbeugen, um durch das kleine geöffnete Fenster zu gucken. Kein Lächeln, kein Gruß wird erwidert. Ein Papier ist zweifach zu unterschreiben. Ingrid, die Angetraute meines Cousins, möchte der Grenzbeamtin direkt Stift und Zettel zurückgeben. Doch deren Zeigefinder klopft nur herrisch auf den Tisch und zeigt damit unmissverständlich: Hier ablegen.

Endlich sind wir durch, dürfen ein paar Meter weiterfahren, dann kontrolliert wieder jemand, ob wir Reisepässe mit der Hälfte des unterschriebenen Zettels haben. Weiter geht’s: wir müssen jetzt 2 Kilometer nur radeln, anhalten verboten! Dann kommt wieder ein Schlagbaum mit einer Kontrolle, ob wir Reisepässe haben. Erinnerungen an die DDR-Grenzerfahrungen werden wach.

saatgrenze

An dieser Stelle ein eindringlicher Appell an die BürgerInnen und PolitikerInnen der EU: Lasst uns doch bitte nicht vergessen, was wir an Europa haben: Frieden und offene Grenzen. Diese europäische Idee sollten wir doch nicht an Grexit, Brexit oder an ökonomischem Gefeilsche scheitern lassen.

Morskoje (Pillkoppen) ist ein Ort der Extreme. Es gibt noch alte Fischerhäuser, manche mit wunderschönen Gärten, viele davon haben einen erheblichen Renovierungsstau. Direkt daneben stehen aber riesige Villen mit sicher abgezäunten Grundstücken. Mit Fischfang sind diese Anwesen sicher nicht verdient. Hier müssen sich sehr reiche Russen eingekauft haben. Viel Geld und wenig Geschmack. „Blutgeld“ meint mein Bruder lakonisch.

Auch das Haus unserer Großeltern sieht nicht gerade gut in Schuss aus, direkt daneben ein Protzbau. Eine Frau steht vor dem Haus, das direkt am Haff liegt. Wir versuchen zu erklären, warum wir hier sind, sie versteht nicht oder will nicht verstehen. Als ich frage, ob ich fotografieren darf, möchte sie Geld. Ich gebe ihr 2 Euro und sie sagt „Danke schön“. Sie ist sicherlich jünger als wir, wirkt aber viel älter, keinerlei Spuren von Lebensfreude in ihrem Gesicht. Ein weiterer Kontakt scheitert an mangelnden Sprachkenntnissen.

Vaterhaus

Mein Cousin Ernst spürt den alten Friedhof auf. Hier müsste das Grab meines Großvaters sein. Doch alle deutschen Spuren sind beseitigt. Die Gräber sind aufgelassen (oder zerstört?), lediglich Überreste von Grabeinfassung sind im Gebüsch, schon fast zugewachsen, zu erkennen. Es gibt nur russische Grabstellen.
Doch der Blick durch Kiefern auf das Haff, im Hintergrund die majestätisch ruhende weiße Düne, das ewige Rauschen des Windes und des Wassers bringen mich dem väterlichen Teil meiner Familie nahe. Hier ist also mein Vater aufgewachsen, der Fischersohn, aus dem ein Bäckermeister wurde. Kein Wunder, dass aus mir so eine ‚Landpomeranze‘ mit großer Sehnsucht zum Meer geworden ist!

düne pillkoppen

Fremdfühlen in Rybachij

Mein Skipper und ich radeln später noch einmal auf die russische Seite, ins ehemalige Rositten, das heute Rybachij heisst. Die Grenzkontrollen gehen schneller (weil wir keine Gruppe, sondern nur zu zweit sind?) und verlaufen freundlicher, da eine andere Truppe die Kontrolle macht.

In Rybachij gibt es keine Protzvillen, aber viele renovierungsbedürftige Häuser. Der Ort wirkt trostlos und irgendwie vergessen. Wir empfinden die Menschen dort als unfreundlich und abweisend. Kein Blick, kein Lächeln von uns wird erwidert. Wir fühlen uns als unwillkommene Eindringlinge. Was mag der Grund sein? Ist es die politische Großwetterlage? Ist es, weil wir Deutsche sind? Liegt es an der perspektivlosen Lage der Bewohner? Wir wissen es nicht. Auf jeden Fall fühlen wir uns so unwohl, dass wir nicht einmal in das Café gehen, an dem noch der alte Name ‚Rositten‘ steht. Wir radeln zurück nach Nida.

Am nächsten Morgen segeln wir weiter Richtung Westen. Ich schreibe diese Zeilen schon im Hafen von Wladyslawowo, Polen. Doch von der – nicht immer zauberhaften – Überfahrt erzähle ich das nächste Mal.

6 Kommentare

  • Paul says:

    danke für den Bericht. er ist sehr bewegend. Die Schnittstelle von Wurzeln und Gegenwart ist doch nicht einfach zu verstehen. Manchmal denke ich „was wäre gewesen wenn…“? Würdet Ihr dort noch leben?

    • emaloca says:

      Es hätte mich ja gar nicht gegeben. Als junger Mensch haben Schauspieler meinen Vater, den „schmucken Kerl“, mit nach Berlin genommen. Auf der Nehrung wurden damals viele Filme gedreht. Sie wollten aus meinem Vater einen Schauspieler machen. Er ist schon nach ein paar Tagen wieder aus Berlin abgehauen – nach Hause zurück.

  • Wolfgang Baer says:

    Hallo ihr lieben Abenteurer,
    ich lese mit viel Neugierde eure spannenden, abenteuerlichen Geschichten. Ein Jahr davor war ich ja auch in Nida, kurischer Nehrung, Klaipeda usw. und bin. Anke, was waren das für Gefühle für dich, plötzlich so konkret mit deiner Vergangenheit konfrontiert zu werden??
    Ich wünsche euch jedenfalls alles Gute weiterhin für euren großen Törn: Mast- und Schotbruch… und immer ne Handvoll Wasser unnerm Kiel.
    Wolfgang

    • emaloca says:

      Deswegen sind wir ja hingesegelt . Was ich vorher schon vom kopf her wusste, kann ich nun fuehlen. Das ist gut. Danke für deine Wünsche. Was wir mal bräuchten wäre Ostwind, wir bleiben sonst in der polnischen Kirmes hngen… Blog kommt morgen.

  • Stefanie Loges says:

    Ich bin doch sehr erstaunt ob der Berichte von der russischen Seite der Nehrung. 1995 und 1997 habe ich Kaliningrad und die Nehrung bereits besucht. Eure Erfahrungen mit den Grenzkontrollen als auch der teils bedauernswerte Zustand vieler Häuser scheint sich nicht zum besseren geändert zu haben. Schade. Schon damals hatte ich den Eindruck, dass die dort lebenden Menschen sich einer gewissen Lethargie hingeben…Mütterchen Russland ist weit weg.

    Dennoch genieße ich gerade jedes geschriebene Wort. Es bringt viele schöne Erinnerungen zurück, und ich kann halbwegs nachfühlen, wie es Dir dort ergangen sein mag.

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