Von Nida nach Wladyslawowo – weiter als gedacht

von emaloca / am 19.07.2015 / in Allgemein
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(7 von 12) Westwind, Westwind, Westwind – so lautet die Prognose für die nächsten Tage. Da wollen wir doch eigentlich hin! Wir müssen uns entscheiden ein kurzes Zeitfenster, in dem der Wind aus nordwestlicher Richtung kommen soll, für den Absprung von Nida zu nutzen oder noch ein paar Tage zu warten. Dann könnte es eventuell schwierig werden, rechtzeitig aus unserem Urlaub zurückzukommen. Also heißt es morgens um 8:30 Uhr Leinen los –leider bis Klaipeda unter Motor. Unser Gefühl ist eindeutig: wir möchten wiederkommen, haben uns noch nicht satt gesehen und auch nicht Klaipeda besucht. Dass wir nun 180 und nicht 140 Seemeilen vor uns haben und 48 Stunden unterwegs sein würden, war uns noch nicht klar…

Kaum Wind – und der noch aus der falschen Richtung

Die Ostsee hat uns gegen 14 Uhr wieder. Der Tag ist bewölkt, manchmal nieselt es leicht und wo ist bitte schön der Wind? In der sagenhaften Geschwindigkeit von 1,5 Knoten dümpeln wir dahin und auch die Richtung stimmt nicht. Aber „wir haben ein Segelboot!“ wiederholt mein Skipper stoisch und weigert sich, weiter unter Motor zu fahren. „Außerdem, bei wenig Wind lernt man segeln!“ versucht er mir, ganz der Lehrer, einzupauken. Als ich am Ruder bin, überlege ich mehrere Strategien. Die Genua einfach eigenständig einholen? Das wäre zwecklos, ich würde es nicht einmal bis zur Hälfte schaffen und mein Skipper wäre im Cockpit. Soll ich ein auf „Drama Baby“ machen? Das ist eigentlich nicht meine Art. Während ich hin und her überlege, kommt endlich ein wenig vom vorhergesagten Wind und bringt Regen mit. Na toll!

Gerd-grauwasser

In der Nacht schläft er fast ganz wieder ein. Wir machen den Fehler, nicht beizudrehen und abwechselnd zu schlafen, sondern uns mit dem Hauch von Wind abzuquälen. Emaloca ist ein tolles Boot, aber nun mal kein Leichtwindsegler. Die Konsequenz: ich schlafe kaum, da es immer wieder zu unfreiwilligen Wenden kommt, mein Skipper quält sich mit Kurs halten. Am frühen Morgen sind wir beide leicht gerädert. Da zieht mein Argument, wenigstens für 2 Stunden auf dem richtigen Kurs unter Motor zu fahren. Mein Skipper kann dann richtig ausschlafen und ich bin psychologisch gestärkt: In 2 Stunden 9 Seemeilen von noch ausstehenden 100 Seemeilen vorangekommen zu sein. Wow!

Irgendwann, wir sind wieder unter Segeln, überholt uns eine Rennziege, aufgetakelt bis zum Mond. Die Riege Ballast-Männer auf der Kante grölen, trinken Bier, recken den Daumen in die Höhe und wünschen uns „Good luck.“ Sie sind blau wie das Meer und wir sind froh, dass sie uns nicht gerammt haben, denn sie kreuzen unser Kielwasser im Abstand von 5 Metern!

Außerirdische

Wenn Wind, dann richtig!

Der Morgen beginnt mit einem schönen Sonnenaufgang. Als ich mich über die Sonne freue und sie bitte, mir doch meinen Rücken zu wärmen, zieht sie sich hinter Wolken zurück und lässt sich den ganzen Tag nicht mehr blicken. Doch dafür kommt endlich der lang ersehnte Wind. Mittags machen wir das erste Reff in die Genua, eine Stunde später das erste Reff in das Groß, noch eine Stunde später das zweite Reff in die Genua. Wir haben obere 5 Beaufort, mehr als ordentlich Welle und segeln von nun an bis Wladyslawowo hart am Wind auf der Kreuz. Als ich mich in den Salon lege, um zu schlafen, fühle ich mich wie im Schleuderwaschgang. Mein Magen wird in meinem Körper von rechts nach links und von oben nach unten gerüttelt. So geht das nicht! Raus ins Cockpit und die Nase in den Wind halten. Mein Skipper blüht auf, schmiert Brote, schneidet Gurken und Paprika. Ich bin lieber am Ruder.

Windex

Irgendwann wird die Welle etwas moderater und gleichmäßiger und ich lege mich schlafen. Nachts so gegen 1 Uhr tauche ich wieder aus dem Salon auf. Eine sternenklare Nacht umfängt das Boot. Kein Mond, aber dennoch kann man die Wellen und die Konturen von Emaloca gut erkennen. Mein Skipper sitzt geschützt unter der Sprayhood und sagt sofort zu mir: „Pack das Ruder nicht an. Emaloca segelt schon seit über eine Stunde wieder allein. Sie kann besser als wir Kurs halten.“ So segeln wir schweigend unter dem Sternenhimmel dahin und staunen. Die Wellen kommen gleichmäßig in silbergrauer Farbe. Langsam lichtet sich die Nacht, die Sterne verblassen und der Horizont, an dem die ganze Nacht über ein heller Schimmer lag, färbt sich langsam orange, blau, aubergine. Von wegen ‚Morgengrauen‘, wunderschön ist es.

Himmel

Der Leuchtturm von Wladyslawowo zeigt uns den Weg in den Hafen und gegen 6 Uhr laufen wir dort ein. Jetzt nur noch das Boot aufklarieren und frühstücken. Morgens um 7 Uhr gibt es: heiße Tomatensuppe mit schon etwas älterem Weißbrot und litauischer Margarine, stilecht mit fleur de sel bestreut, dazu teilen wir uns eine Dose Bier, die schon seit Deutschland mitgesegelt ist. Der Skipper hält eine Ansprache, was für ein gutes Team wir doch sind. Dann nur noch schlafen – bis der Hafenmeister uns mit „Hello Emaloca“ weckt.

schlitzaugen

Schlitzaugen vor Müdigkeit – aber glücklich

kletttern

Der Weg an Land heißt klettern

Leba ist überall

Immer noch müde machen wir uns auf in den Ort und stellen fest: Leba ist überall. Polnische Ferien am Meer bedeuten offensichtlich Kirmes und Trubel. Unendlich viele Stände mit zigtausend Sonnenbrillen, Klamotten, Plastikschaufeln, Plastikeimern, Schmuck, Obst, gebackenem Fisch, dazwischen Go-Carts, mit denen Erwachsene fahren, Musik überall und immer wieder Fisch! Ach ja, bungee jumping nicht vergessen! Dazu aber auch hervorragendes Eis, das mit jeder Gelateria mithalten kann! Der Strand, den wir am Morgen noch menschenleer gesehen haben ist pickepacke voll mit Menschen. Wir strunkeln da durch wie von einem anderen Stern.

überall-kirmes

Am nächsten Tag entfliehen wir dem Trubel halbwegs auf die Halbinsel Hel, finden dort ruhige Strände und jede Menge polnische Militärgeschichte. Ein Tag später ist wieder ein Nachtfahrt angesagt: gegen 21 Uhr können wir ein Zeitfenster zum Segeln gen Westen nutzen und kommen morgens gegen 6 Uhr in Leba an, das inzwischen kirmesmäßig noch nachgerüstet hat. Wann wir weiterkommen, wissen wir noch nicht.

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