Schauerböen, Maschinenschaden und Salzbuckel

von emaloca / am 22.07.2015 / in Allgemein
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(8 von 12) Morgens um 4 Uhr verlassen wir den Seekanal von Leba und machen uns auf Richtung Darlowo, unserem 1. Halt auf dem Hintörn. Moderater Wind, wenig Welle, bedeckter Himmel und nur gut 50 Seemeilen vor uns – es sieht also alles nach einem gemütlichen Törn aus. Aber wie heißt das kluge Sprichwort: „Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben!“ Jetzt liegen wir mit Maschinenschaden am Kai vonDarlowo – ein Segelboot hat uns hier reingeschleppt. Doch nun die ganze Geschichte:

Tee mit Schauerböe

Am frühen Nachmittag, uns stehen noch ungefähr 2 Stunden Segeln bevor, machen wir uns gemütlich einen Tee und essen leckeren polnischen Kuchen. Um uns herum einige Regenwolken, aber sie sehen nicht bedrohlich aus. Ich mache sogar noch ein Foto.

regenwolke

Da brist der Wind langsam auf. Wir kippen den letzten Tee über Bord, ich gehe in den Salon und verstaue Tassen und Kanne, reiche die Schwimmwesten hoch. Als ich wieder mit Schwimmweste aus dem Salon komme, um ans Ruder zu gehen, damit mein Skipper die Genua reffen kann, fallen Schauerböen über uns her. Die Relingstütze von Emaloca schleift durchs Wasser. Verdammte Hacke! Es gelingt, die Genua zweifach zu reffen, das Boot richtet sich wieder auf. Geschafft! Wir wissen nun, dass Emaloca auch solche Windböen verkraften kann, das ist gut so!

Die Ruhe vor dem Sturm

Genauso schnell wie der Spuk anfing, ist er wieder vorbei. Nun dümpeln wir herum, absolut kein Wind. Die Hoffnung, dass er sich wieder einstellt, schwindet nach einer halben Stunde. Vor uns liegt nun eine richtig schwarze Wand. Die wird uns wahrscheinlich noch vor dem Hafen erwischen. Wir bergen das Groß, holen die Genua ein, stellen den Motor an und fahren gen Hafen.

Nur ganz langsam kommt die Wand näher. Wir verarbeiten noch die Schauerböe und nehmen uns vor, unsere Instinkte doch wieder mehr zu schärfen, um so etwas früher zu bemerken, da verändert der Motor sein Geräusch. Wir blicken uns an, mein Skipper hebt die Motorabdeckung hoch, schreit „Scheiße, Motor sofort aus. Oh nein, schon wieder das gleich Maleur.“ Schon vor einem Jahr war uns der Stehbolzen zur Halterung eines Ventildeckels gebrochen. Dieses Mal hat sich die gesamte Kipphebelmechanik verabschiedet – wieder ein Schraubenbruch. Zugleich ist eine Ölleitung abgerissen. Ich sitze versteinert hinter dem Ruder, obwohl es nichts mehr zu steuern gibt, mein Skipper ist tief über den Motor gebeugt. Ich sehe, wie seine Schweißperlen auf den Motor tropfen.

schaden

Da liegt der Schaden!

„All ships, all ships, all ships“

Allmählich kommt die schwarze Wand doch näher. „Gerd…,“ ich versuche ihn darauf aufmerksam zu machen „Ruhe jetzt! Wo ist die Tüte mit den Spanngurten?“ Er findet sie und befestigt den Ventildeckel notdürftig mit einem Gurt. Kurz den Motor an. Er läuft, wir hoffen, dass es für ein Notmanöver reichen würde. Schnell den Motor wieder aus und die Genua zweifach gerefft ausrollen, damit wir nicht hilflos dem Wind ausgesetzt sind. Denn der setzt nun ganz langsam aber stetig wieder ein. In einiger Entfernung sehen wir ein Segelboot, das wollen wir anfunken und um Schlepphilfe bitten. Es reagiert und sagt Hilfe zu. Wir sind erleichtert. Doch was ist das? Das Segelboot ändert seinen Kurs nicht. Mein Skipper bittet noch einmal per Funk um Schlepphilfe. Das Boot „Finistere“ meldet sich wieder. Nun bemerken wir, dass es sich nicht um das Boot in Sichtweite handelt. Finistere ist noch viel weiter südlich von uns und muss schon kurz vor der Einfahrt in den Seekanal gewesen sein, als es unseren Funkspruch gehört hat. Wir können es noch gar nicht ausmachen.

Unsere Helfer von der Finestere am nächsten Morgen

Der Wind hat zugelegt und legt weiter zu, es fängt an zu regnen, die Sicht wird immer schlechter. Ich bin am Ruder, mein Skipper hält den Funkkontakt, legt Leinen bereit. Ich sehe auf der Windex in Böen mal 15 m/s aufleuchten, das ist Windstärke 7. Nur nicht zu dicht unter Land kommen. Ich fange an, mit mir zu sprechen: „Anluven und wieder abfallen. Gut so. Immer schön im Wechsel. Ganz ruhig. Jetzt wieder anluven… Das kannst du und du bleibst ganz ruhig.“ Der Regen knallt mir ins Gesicht, ich muss die Brille abnehmen, stecke sie oben in meine Segeljacke. Da ist sie sicher, ich spüre nur am Rande, wie mir der Regen jetzt in die Jacke läuft. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie das Segelboot, das wir vermeintlich angefunkt hatten, kämpft. Nein, die hätten uns nicht helfen können, bräuchten eher selbst Hilfe. Sie versuchen wohl das Groß zu bergen. Groß und Genua flattern durch die Gegend.

 „Finistere“, die Helfer und nicht „das Ende der Welt“

Wir nehmen richtig Fahrt auf, 5 Knoten unter zweifach gereffter Genua – aber wir kommen zu nahe unter Land. Regen und Wind lassen nicht nach und wir fahren eine Wende, sie klappt perfekt. Nach einiger Zeit, wie lange weiß ich nicht, sehe ich aus dem grauen Dunst ein Boot kommen. Es ist eine Koopmann. Sie sieht groß und stäbig aus. Jemand winkt. Allmählich werden auch Wind und Regen etwas weniger. Wir können 3 Männer ausmachen. Keine Hektik bei ihnen an Bord, sie wissen, was sie tun. Besonders der Mann an der Pinne ist ein echter Salzbuckel. Erstrahlt eine unfassbare Ruhe aus. Später erfahren wir, dass er 83 Jahre alt und zur See gefahren ist, ein waschechter Kapitän a. D.

Als unsere Helfer ganz nah in Luv bei uns sind, holt mein Skipper die Genua ein. Er hat auch schon eine Schleppleine bereit, aber die gegen den Wind zu werfen wird wohl schwierig werden. Aber Finistere hat selbst schon eine Schleppleine fertig gemacht. Ein Mann wirft, ich kann sie gleich beim ersten Mal fangen. Gerd kommt angelaufen, übernimmt die Leine und macht sie am Bug fest. Wind und Regen haben sich nun völlig beruhigt und so werden wir langsam in den Seekanal geschleppt. Dort nimmt Finistere uns längsseits und wir müssen Gott sei Dank nicht lange warten, bis die Brücke öffnet.

Eine Ausflugskogge, die auch passieren will signalisiert, dass sie uns vorlässt. Auch das entgegenkommende Fischerboot lässt unseren breiten Schleppverband erst passieren. Wir bedanken uns beim Fischer, er ruft uns ein paar freundliche Worte entgegen, wie wir am Tonfall und an seiner Gestik erkennen.

Im Hafen ist kein Platz mehr, aber der Hafenmeister signalisiert… aber was? Wir verstehen, „Three minutes“ und er zeigt auf den Kai am Fluss außerhalb des Hafens. Da sehen wir ihn kurze Zeit später winken. Er nimmt die Leinen an und meinen Skipper tröstend in den Arm und klopft seinen Rücken. Dann sagt er „Werft heute zu, morgen auf“. Es ist ja auch schon 18:30 Uhr.

platt

Wir sind so platt wie unsere Jacken nass sind!

„Hallo, ich bin Richard“

Wir klarieren das Boot auf. Es hat reingeregnet. Danach beschließe ich, dass wir erst einmal etwas essen müssen und setze den Eintopf auf. Gerade als das Essen heiß ist und mein Skipper sagt: „Ich könnte heulen, ich weiß nicht, wie es nun weitergehen soll“, steht jemand am Kai: „Hallo ich bin Richard. Der Bosman (polnisch: Hafenmeister) hat mir gesagt, ihr habt Probleme mit der Maschine. Ich bin Mechaniker und habe mal in der Werft gearbeitet.“ Wir können es gar nicht fassen. Mein Skipper erklärt unser Problem, Richard sagt immer mal „Aha“. Dann beugt er sich über den Motor und wir reichen ihm das nötige Werkzeug. (Nie wieder werde ich über unsere schwimmende Werkstatt lästern.)

Nach einigem Probieren bekommt er die abgebrochene Schraube aus dem Gewinde und meint, morgen könne er Ersatz besorgen. Er käme morgen Nachmittag nach der Arbeit vorbei. Für die abgerissene Ölleitung hat er noch keine rechte Lösung – aber was er bis jetzt erreicht hat, ist schon mehr als wir gehofft haben.
Als er sich verabschiedet ruft er uns noch lachend zu. „Jetzt machen Sie sich keine Gedanken. Das bringt gar nichts. Genießen Sie einfach den Abend. Wir finden schon eine Lösung.“

Die Crew von Finistere ist derweil wohl essen gegangen. Wir stellen ihnen eine Flasche russischen Wodka ins Cockpit, den wir von der Nehrung mitgebracht haben. Am nächsten Morgen bekommen sie noch unsere 30 Liter Diesel aus unseren frisch aufgefüllten Reservekanistern, die ihnen für die Weiterfahrt fehlen und hier nicht so leicht zu bunkern sind. Sie fahren schon morgens weiter und wir konnten kaum miteinander reden, was wir wir sehr schade finden. Der Bosman bekommt noch eine Flasche Kanadischen Whiskey- den hatte mein Skipper vor unserer Reise mit den Worten gekauft: „Wenn wir uns mal bei jemandem bedanken müssen.“

Wir sind total erschöpft und schlafen die Nacht wie ein Stein – und während ich diesen Text schreibe, warten wir auf Richard!

6 Kommentare

  • paul says:

    hallo Crew, das sind ja richtige Abenteuer. Mann o mann. Ich hoffe dass Richard euch wieder in Fahrt bringen kann. Das tolle an den Polen ist, dass sie wirklich Profis sind im Improvisieren und multitalente sind. Erholt euch erst mal!

  • Jürgen says:

    Hallo Anke, du schreibst das sehr aufregend und persönlich. Schade das der Besuch in dem Heimatdorf deiner Familie so düster war.
    Es hat mich sehr gefreut das ich auf der Hinreise mit dabei sein konnte.
    Ihr habt beide viel geschafft, Emma auch. Der Schwede sagt: „det löser sig“ = das löst sich schon!!!
    Schön, das man überall auf der Welt Freunde findet die einem im Notfall helfen.
    LG Jürgen

  • Erika+Jürgen says:

    Ohje, aber alles wird gut !
    Wir wünsche euch trotz aller Widrigkeiten eine gute Reise
    Grüsse von Nordwind Crew

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