Sie zeigt ihre Zähne

von emaloca am 26.07.2015 / in Allgemein
3

(10 von 12) Auf unserem Rückweg scheint die Ostsee uns testen zu wollen: „Na, immer noch Spaß am Segeln, auch wenn ich im Augenblick keine Lust mehr habe, die Sanftmütige zu spielen?“ „Ja verdammt! So schnell wirst du uns nicht los! Aber ein bisschen weniger Wind dürfte es schon sein!“ Pustekuchen, von Kolobrzeg nach Sassnitz (Rügen) legt sie noch einmal nach.

Doch erst einmal gibt sie sich gnädig! Wir segeln so gegen 18 Uhr von Kolobzreg gemütlich mit raumen Wind los. Als die Dämmerung einbricht, legt der Wind zu und wir machen ein erstes Reff in die Genua. Aber mit 5 bis 6 Knoten auf den Wellen zu surfen, macht mir noch richtig Spaß! Als ich Wache habe und ein Fischer im Dunkeln ganz nahe kommt, beobachte ich die Lichter des Bootes und sehe, wie sein Backbordlicht langsam auswandert. Noch auf der Hinfahrt hätte ich hektisch gerufen: „Gerd, komm mal schnell hoch!“

seegang

Seegang sieht auf Fotos immer so harmlos aus!

Dann übernimmt mein Skipper die Wache. Als der Morgen kommt rufe ich mehrmals aus dem Cockpit: „Müssen wir nicht doch mal reffen?“ Es rauscht unter Deck wie ein Wildbach. Der Wind hat noch mal kräftig zugelegt und kommt nun von achtern! Doch immer wieder kommt aus dem Cockpit: „Nein, nicht nötig!“ Ich hangele mich auch ins Cockpit und sehe Wellen, die ich eigentlich lieber nicht sehen möchte. (Obwohl, so mit einem Tag Abstand betrachtet: schön und faszinierend sind sie schon!) Mein Skipper surft die Wellen locker mit Emaloca mit 6 bis 7 Knoten ab.

Surfen auf Wellenbergen

Als ich übernehme, kann ich leider nicht mit dieser Lockerheit aufwarten. Nach einer halben Stunde sind Rücken, Nacken und Schultern total verspannt. Ich jammere und ächze so vor mich hin, während ich aus den Augenwinkeln die weißen Schaumkronen von brechenden Wellen sehe und dieses schäumende Geräusch in meine Ohren dringt. Zugegeben, Emaloca verhält sich vorbildlich! Sie taucht mit dem Bug nicht in die See, gleitet die Wellenberge hinunter und lässt sich sanft von den Wellen wieder hochtragen. Das tröstet mich aber in dem Moment wenig. Mein Skipper hat ein Einsehen und wir machen ein zweites Reff in die Genua. So geht es etwas besser, aber nach einer weiteren Stunde, es sind noch gut 5 Seemeilen bis Sassnitz, bitte ich ihn, wieder das Ruder zu übernehmen.

schiffssicherheit

Vielleicht sollte ich da mal einen Kurs mitmachen?

Und das ist auch gut so! Denn näher an Rügen, steigt der Meeresboden schnell an und es bauen sich daher noch höhere Wellen auf, die dann auch meinem Skipper größten Respekt einflößen. Besonders eine Welle versetzt Emaloca heftig. Gut, dass sie ein Langkieler ist.

Hafen in Sicht- heißt noch nicht im Hafen sein

Nun wird es noch einmal richtig kniffelig: Wir müssen heil durch die Hafeneinfahrt kommen. Die Brecher vor der Mole schlagen furchterregend dagegen. Wir zirkeln unter Genua, mit Motorunterstützung und Wellenschub von hinten in das ruhige Hafenwasser. Beim Einrollen klemmt die Genuareffleine und mein Skipper muss nach vorne und den Rest von Hand eindrehen.
Jetzt nur noch irgendwo festmachen! Ein Frühaufsteher, der das Sturmschauspiel auf der Mole bewundert, nimmt unsere Vorleine an. Als ich ihm sage, wie kommen gerade aus Polen sieht er mich verständnislos lächelnd an. Ich bin sicher, er ist der Meinung, sich verhört zu haben.

einfahrt sassnitz

Hafeneinfahrt nach Sassnitz – so beschaulich bei ruhigem Wetter!

Jetzt frühstücken! Es gibt polnischen Kuchen, Hasenbrot, das vom Nachttörn übrig geblieben ist und heißen Kakao mit einem Schuss Rum. Dann ab in die Koje. Das zweite Frühstück besteht aus hervorragendem warmgeräucherten Räucherlachs aus der Morastredute in Kolberg und einer an Bord gebliebenen Weißweinflasche von Jürgen.

Molensoirée in Sassnitz
russische zigeunermusik

Russische Zigeunermusik vom Feinsten!

Eigentlich haben wir für diesen Tag nun schon genug erlebt. Doch es kommt wohl immer anders als mensch denkt. In Sassnitz ist „Molensoirée“. Geboten wird bis in die Nacht ein hervorragendes Programm mit einer Mischung aus Kleinkunst, französischen Chansons, Feuerkünstlern, russischer Zigeunermusik und einem Posaunenquartett. Letzteres spielt „second walz“ von Schostakowitsch. Moment, das Stück haben wir doch kürzlich erst gehört. Aber wo war das noch? Es fällt uns wieder ein: beim Thomas Mann Festival in der evangelischen Kirche in Nida. Wie lange ist das jetzt her? Eine Ewigkeit oder doch erst 2 Wochen?

dirigent

Ein Dirigent der besonderen Art!

Nach Mitternacht kriechen wir in unsere Koje. Wir werden das angesagte Unwetter in Sassnitz abwettern. Wer weiß, vielleicht beschert uns dieser Hafenstopp dann mal einen Tag ohne Erlebnisse! Das wäre ja auch mal ein echtes Erlebnis!

unwetterwarnung

PS: es lässt sich gut an! Gerade hat mein Skipper die defekten Schrauben und Stehbolzen am Motor kontrolliert. Alles paletti!

3 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.