Lettland – im Umbruch

von emaloca / am 24.08.2018 / in Allgemein
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Von Estland nach Lettland gesegelt, können wir nun über unsere lettischen Eindrücke berichten, die wir in den Hafenstädten Ventspils und Liepaja gewonnen haben. Vieles ist im Umbruch. In Liepaja haben wir die lettische Geschichte komprimiert erfahren und mich Smutje gerade noch vor der Spießbürgerlichkeit bewahrt.

Unser lettischer Einstieg – Ventspils

Ventspils ist eine kleine Hafenstadt mit rund 40.000 Einwohnern. Neben dem Yachthafen, der aus einer Handvoll Mooringbojen besteht, liegen Fabrikgebäude, die auch schon bessere Tage gesehen haben. Wir malen uns aus, dass hier in der Zukunft ‚Wohnen am Hafen‘ begehrt sein wird – aber noch ist es lange nicht so weit. Die Mole wird gerade zu einer Promenade ausgebaut.

Matrosenkuh auf der Mole von Ventspils

Wir radeln durch einen großen, aufwändig angelegten Park. Viele Skulpturen, Blumenkunstwerke, das alles sieht nach einer reichen Kommune aus. Ventspils bezeichnet sich auch als ‚Hauptstadt der Blumen.‘ Beeindruckend ist, dass die Stadt viel Kunst im öffentlichen Raum fördert. Die Kuhparade ist dafür nur ein Beispiel.

Als wir dann in die Randbereiche der Stadt kommen, sehen wir zwar noch viele, öffentlich angelegte Blumenbeete aber ansonsten eher trostlose Plattenbauten in unterschiedlichem Zustand. In mir steigt die Frage auf, ob die dortigen Bewohner sich an den Blumen erfreuen können oder ob sie die Beete zynisch finden angesichts der Zustände ihrer Wohnblocks.

Die Altstadt können wir nicht so richtig fassen, sie wirkt ein wenig verlassen. Denn leider ist der Marktplatz nicht mehr belebt, wir sind zu spät gekommen. Man sieht an vielen Stellen auch Renovierungs- und Bauarbeiten, um die alte historisch gewachsene Stadt mit schöner Bausubstanz zu erhalten. Wir sind mit einem Tag, der auch noch im Regen endete, sicherlich zu kurz dort um einen runderen Eindruck zu bekommen.

Liepaja -Stadt im Aufbruch

Spätestens vor der Küste Liepajas mit den Bunkeranlagen, den golden Zwiebeltürmen einer russisch orthodoxen Kirche und den Gasspeichern gestehen wir uns ein, dass unsere Speicher so voll von Eindrücken unserer bislang zweieinhalb monatigen Reise ist, dass wir Lettland gar nicht mehr richtig aufnehmen können. Bloß schnell weiter fahren nach Nida zur kurischen Nehrung und uns da einfach nur erholen, bei einem nächsten Törn fangen wir mit den baltischen Staaten an – so unser Plan.

Doch der Wind hat anderes mit uns vor, hält uns 3 Tage in Liepaja fest. Neugier treibt uns natürlich doch hinaus in die mit knapp 80.000 Einwohnern drittgrößte Stadt Lettlands. Hier wird gebaut, vieles ist im Umbruch. Man findet alte Jugendstilhäuser, Holzhäuser, prachtvolle Gebäudekomplexe neben nüchternen, funktionalen Bauwerken.

Auch hier, wie in Ventspils, scheinen zwei Welten aufeinander zu stoßen bzw. nebeneinander zu existieren. Wir kaufen zum Beipiel bei einer alten Marktfrau ein Kilo Kartoffeln, ein Kilo Möhren und vier kleine Gurken für 96 Cent und denken, wir hätten uns verhört. Abends trinken wir dann ein Bier für 3,20 Euro in der westlich anmutenden „Partylocation“ am Hafen – so etwas wird sich die Marktfrau nicht leisten können.

„Ein einzigartiger Ort, der keinen gleichgültig lässt“

So steht es in der Infobroschüre über Karosta, einengesonderten Teil von Liepaja und es stimmt.

Karosta wurde 1890 geplant als eine komplette völlig autonome Militärstadt mit Festung des russischen Zarenreiches. Während der Sowjetzeit war Karosta für die Zivilbevölkerung tabu. Noch einmal die Infobroschüre: „Im heutigen Karosta stehen die militärische Eleganz des Zarenrusslands und die Robustheit des sowjetischen Militarismus in einer eigenartigen Wechselwirkung.“

Als wir mit dem Fahrrad dorthin fahren, sehen wir hier wie in Ventspils, trostlose Plattenbauten. Zum Teil ist die Fassade renoviert, isoliert und mit neuen Fenstern versehen, teilweise sind die Gebäude äußerlich in einem katastrophalen Zustand, manche sind vernagelt. Von Eleganz sehen wir wenig. Die orthodoxe russische Kirche wurde von den Sowjets für ihre dort stationierten Matrosen als Sporthalle und Kino genutzt, Altar und Kreuze abgerissen. Sie ist heute wieder ein Gottehaus und wird renoviert.

Wir nehmen an einer Führung im ehemaligen Militärgefängnis der Sowjets teil, vom Zaren eigentlich als Krankenhaus geplant. Auch die Nazis nutzten während ihrer Lettlandbesetzung von 1941 bis 1945 dieses Gefängnis.

Danach radeln wir zu den Bunkeranlagen aus Zaren- und Sowjetzeiten am Strand und weiter zu dem Holocaustdenkmal in den Dünen von Skĕde. Hier wurden während der Besetzung durch die Nazischergen über 7000 Menschen kaltblütig ermordet: Vor allem Juden aber auch sowjetische Kriegsgefangene und Menschen aus dem lettischen Widerstand. Während des kalten Krieges waren hier auf Flensburg ausgerichtete Atomsprengköpfe stationiert.

Ein Tag voll beklemmender Eindrücke. Dann bekommen wir auch noch die Nachricht, dass der 18jährige Neffe unserer syrischen Freundin an diesem Tag durch eine Bombe getötet wurde. Wir, die wir uns auf einem wunderbaren Segeltörn um die Ostsee befinden, sind sehr demütig darüber, in welch einer priviligierten Zeit und in welch einem priviliertem Teil der Welt wir leben.

Geschichte der Unterdrückung Lettlands auf einem Emaillebecher zusammengefasst

Startup gegen Spießbürgerlichkeit

3 Nächte liegen wir im Stadthafen, der aus Stegen, die unterhalb der Kaimauer befestigt sind, besteht. Pläne von einem Hafen mit richtigen, ins Wasser gehenden Stegen, hängen am Kontor. Laut ist es, weil direkt neben uns eine Bar mit Disco, Aussenlautsprecher und ein Fastfood-Imbiss mit 24-Stunden-Betrieb haben. Und dann kommen auch noch ungefähr 10 junge Menschen auf unseren Steg, unseren kleinen Puffer vom Tag- und Nachttrubel. Sie bauen einen Grill auf, es qualmt fürchterlich. Ich bin entsetzt, weil ich denke, jetzt wollen sie auch noch hier Party machen und fangen schon am Nachmittag an. Mein Skipper bezeichnet mich als spießbürgerlich, dabei weiß ich, auch er braucht seinen Schlaf.

Eine junge Frau hat wohl mein skeptisches Gesicht gesehen, kommt ans Boot und erklärt in geschliffenem Englisch: „Sorry, dass wir hier stören. Wir machen auch ganz schnell. Die Jungs da sind ein start up Unternehmen für einen transportablen Grill. Wir machen nur ein paar Fotos. Sie bekommen auch gleich einen gegrillten Burger von uns!“ Ich schäme mich und nehme sogleich die Socken ab, die zum Auslüften an der Reling hängen. Mein Skipper meint feixend, ich müsse umgehend zu der Truppe gehen und mich entschuldigen. Mache ich doch gerne!

Gespräche auf dem Steg über das heutige Lettland

Die Startups haben inzwischen ihre Fotos geschossen, und wir kommen ins Gespräch über ihr Land. „Ja, es sei nicht so einfach in Lettland, aber wir versuchen den Aufbruch.“ erzählen sie voller Optimismus und geben sich als überzeugte Euopäer zu erkennen. Haben sie Angst vor Russland, dass sie wieder ihre Unabhängigkeit verlieren können? „Man weiß nie, was in der Politik passiert, aber wir sind doch in der Nato!“

Das Zusammenleben zwischen Russen und Letten sei nicht unbedingt einfach. „In fast jeder lettischen Familie ist jemand deportiert worden und umgekommen. Das sind Wunden, die sitzen tief. Es braucht Zeit, bis alles verheilt ist,“ erklärt mir ein junger Mann mit ernstem Gesicht und weiter: „Manche Russen verhalten sich so, als ob die Sowjets hier noch die Macht haben. Sie wollen nicht einsehen, dass sich die Zeiten geändert haben.“ Ein anderer ergänzt noch: „Estland hat es einfacher, es ist näher an Finnland. Hier sind viel mehr Russen.“ Eine junge Frau blockt das Thema ab und sagt ganz freundlich „Wir sind jedenfalls nett zu allen, und manche können zusammen leben und manche eben nicht!“

Sie erzählen mir noch, dass es von der EU viele Zuschüsse für Häuserrenovierungen gäbe. Die Wohnungen in den Plattenbauten würden oft den jeweiligen Bewohnern gehören und wenn diese die Renovierung beschließen, müssten sie einen geringen monatlichen Abtrag zahlen.

Dann kommt mein Skipper hinzu und lässt sich den wirklich ausgefeilten Grill erklären. Wenn wir nicht schon Grillbesitzer wären (den wir kaum benutzen), wir hätten ihnen sofort einen abgekauft. Ich hätte mich noch viel länger mit diesen sympatischen Menschen unterhalten können, aber es sind eben Startups und die haben immer was zu tun. Die Grillburger schmeckten übrigens köstlich.

Grillexperten in der Diskussion

1 Kommentar

  • Hans Schwarz says:

    HALLO GRILLBURGER ?
    WAS IST DAS GENAU ?
    Womit brennt der Grill?
    Plattenbauten und Transformationsprozesse… es scheint sich zu entwickeln und das macht Hoffnung-
    Im nächsten Jahr könnt ihr einen Vergleich ziehen…

    Nächstes mal bezahlt ihr auf dem Markt mit einem Bier als Zugabe. das wird die Stimmung heben.. Hier in Ibbenbüren wird es wieder grün, Sina wird am Dienstag 16 Jahre alt , Karen hat ihren Startup – Job als Sozialarbeiterin und Lea will in ca. 1 bis 2 Jahren wieder in der Heimat arbeiten. Man möchte sie hier in einer Firma haben .
    Wir hoffen auf einige Badetage und werden in 14 Tagen eine Irlandrundreise mitmachen.
    Euch weiterhin gutes Segelwetter.
    Hans

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